Das geht unter die Haut

Das geht unter die Haut

Der Leipziger Tätowierer Sascha Philipp erfüllt seinen Kunden Wünsche aus Farbe, die bleibt – ein Leben lang.

Ein schrilles Geräusch wie von einem Bohrer, ein schmerzverzerrtes Gesicht und eine Person mit spitzem Gerät in der Hand: Man könnte glauben, man wäre inmitten einer intensiven Zahnoperation. Allerdings läuft im Hintergrund eine alte Green-Day-Platte, die Wände sind voller Poster mit verschlungenen Motiven und das kreischende Gerät ist kein Bohrer, sondern eine mit Farbe gefüllte Tätowiernadel.

Willkommen im Tätowierstudio „Needleswing“ in Leipzig-Schleußig, wo so mancher leiden muss, der schön sein will. Das Tattoo-Studio besitzt tatsächlich eine grundlegende Gemeinsamkeit mit einer Zahnarzt-Praxis: Auch hier geht es höchst hygienisch zu. Einwegnadeln, Einweghand- schuhe sowie Einwegfarbtöpfchen verhindern die Übertragung von Keimen. Ein hygienisches Bewusstsein und professionelles Equipment sind beim Tätowieren allerdings nicht alles, weiß der erfahrene Tätowierer Sascha Philipp, der „Needleswing“ gemeinsam mit seinem Freund und Mentor André Menzel betreibt:

„Das wichtigste Werkzeug beim Tätowieren ist eine ruhige Hand“, erzählt der 43-Jährige. „Zudem sollte man künstlerisches Talent sowie ein Gefühl für Form und Ästhetik mitbringen, um das Motiv nachher vorteilhaft am Körper platzieren zu können.“ Dabei arbeitet der gebürtige Leipziger gerne mit Matrizen – das ist ein spezielles Papier, auf dem das Motiv erst vorgezeichnet, dann wie ein Stempel auf die Haut gedrückt und schließlich mit der Nadel nachgefahren wird. So kann sich ein Kunde bereits vorab eine Vorstellung machen, wie die Zeichnung auf der gewünschten Körperstelle aussehen wird. Das Ergebnis ist eine Tätowierung, deren Farbe aus Pigmenten, Konservierungsstoffen sowie Löse- und Verdickungsmitteln besteht und mit bis zu 10.000 Stichen pro Minute in der zweiten Hautschicht verewigt wird.

Flea ist schuld
Eine ruhige Hand an der Nadel beweist Sascha Philipp bereits seit 18 Jahren, das Talent fürs Zeichnen schon seit seiner frühesten Kindheit. Nach dem Abitur auf einem Gymnasium mit künstlerischem Schwerpunkt fertigte er für einen Tätowierer jahrelang Entwürfe an, bevor er mit 25 Jahren den Stift gegen die Nadel eintauschte. Die Leidenschaft für das Tattoo entdeckte er bereits Anfang der 1990er Jahre, als die ersten Musikvideos und großflächig tätowierte Rock-Ikonen über die Mattscheiben flimmerten: „Mein allererstes Tattoo landete auf meiner Schulter – inspiriert durch Flea, den Bassisten von den Red Hot Chili Peppers, der dort ein ähnliches Motiv trug.“ Nachdem ihm sein damaliger Tätowierer wiederholt die Nadel in die Haut gesetzt hatte, schaute er sich Zeichnungen von Sascha Philipp an – und nahm ihn sofort in die Lehre.

Schon der Ötzi war tätowiert
Tätowierungen sind Kult und Kultur, je nachdem, in welchem Land man sich befindet. Und vor allem haben sie eine lange Geschichte. Im British Museum in London fanden Forscher per Infrarot-Technik auf einer ägyptischen Mumie Abbildungen eines Schafs und eines wilden Bullen, die auf 3351 bis 3017 v. Chr. datiert sind und in ihrem Stil an Malereien auf antiken Tontöpfen erinnern. Die älteste Tätowierung allerdings wurde auf dem mumifizierten Höhlenmann Ötzi gefunden, der im Jahr 3370 v. Chr. gelebt haben soll. Auf der Jahrtausende alten Leiche konnten 61 überwiegend geometrische Figuren, Linien und Punkte ausgemacht werden, die wohl in den Körper geritzt und anschließend mit einer Art Kohlepulver gefärbt worden waren.

Von Symbolik bis Sex
Ob als Mitgliedszeichen oder rituelles Symbol, als Ausdrucksmittel für Exklusivität, Selbstdarstellung und Abgrenzung, ob als Zeichen politischer Stellungnahme und nicht zuletzt zur Steigerung der sexuellen Anziehungskraft: Jedes Tattoo besitzt eine eigene Bedeutung, eine eigene Motivation und einen eigenen Stil. Manche werden sogar rein kosmetisch eingesetzt: Beim Permanent-Make-up werden die Konturen von Augen oder Lippen dauerhaft hervorgehoben. Bei einem Soundwave-Tattoo lässt man sich Schallwellen in die Haut eingravieren, die man anschließend via App als Audiospur abhören kann. Der erste Schrei des eigenen Nachwuchses oder von Klaus Kinski rezitierte Brachialpoesie? Zeilen und Geräusche, die buchstäblich unter die Haut gehen. Persönlich mit seinen Tattoos identifizieren kann sich auch Saschas Kunde Richard. Sein erstes Tattoo war einst ein flammender 8-Ball aus dem Billardsport – ein Motiv, das für Richard für Entscheidungsfreudigkeit und Leidenschaft steht: „Der 8-Ball ist im Billard die letzte Kugel“, erzählt der Leipziger. „Sie entscheidet über Sieg und Niederlage. Als ich ihn mir stechen ließ, war ich an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich die Dinge selbst in die Hand nehmen wollte – mit all seinen positiven und negativen Konsequenzen.“

Dafür nimmt er den temporären Schmerz der Nadel, den er als „unangenehmes bis marterndes Kratzen“ beschreibt, gerne in Kauf. Dieser Schmerz darf nicht einmal mit Alkohol oder anderen Drogen betäubt werden. „Zunächst schränkt Alkohol die Zurechnungsfähigkeit ein, wodurch schon von Rechts wegen kein gültiger Vertrag zustande kommt“, erklärt Sascha Philipp. „Zudem weitet Alkohol die Blutgefäße. Die Haut nimmt dann die Farbe schwerer an, was dazu führen kann, dass die Linien auslaufen.“ Aus einem kraftstrotzenden Adler auf der Haut wird dann schnell ein altersschwacher, übergewichtiger Geier mit Hängekinn. Grund genug, auf Urlaubsreisen im angetrunkenen Zustand besser einen großen Bogen um dubiose Tätowier-Höhlen zu machen. Und lieber auf den Fachmann zu vertrauen. Auf einen wie Sascha Philipp – die Tätowiernadel von Schleußig.

(Erschienen in: Leipziger Leben Nr. 2 / 2019, Leadagentur Trurnit Leipzig, Bilder: Bertram Bölkow)

Sie mögen Storytelling? Dann lesen Sie weitere Texte der Texterkolonie: