Trainieren als Vollzeitjob

Der Profiradsportler Felix Groß wollte bei den Olympischen Spielen in Tokio den großen Titel abräumen – doch dann kam Corona…

Der Profiradsportler Felix Groß trainierte noch im Frühjahr für die olympischen Spiele in Tokio. In der japanischen Hauptstadt wollte er im August den großen Titel abräumen – doch dann kam Corona. Weiter trainiert hat er trotzdem. „Erst mal war das natürlich ein Schock“, sagt Felix Groß im September 2020 am Telefon. „Es war aber definitiv die richtige Entscheidung, Olympia abzusagen“, findet er. „Die Gesundheit der Sportler steht an erster Stelle.“

Felix hat sich auf das Bahnradfahren spezialisiert. Schon sein Vater war Radsportler. Als Achtjähriger erblickte der kleine Felix eines Tages den väterlichen Renn-Drahtesel in der Garage und wollte ihn sofort ausprobieren. Ein Probetraining – und der heute 22-Jährige war angefixt. Der Start einer Profikarriere. Es folgten unter anderem der Gewinn der U23-Europameisterschaften in der Einerverfolgung in den Jahren 2018 und 2019. Doch Felix will auf den Olymp. Deshalb bereitete er sich monatelang auf die bevorstehenden Olympischen Spiele in Tokio vor. Zwischen dem 4. und 8. August sollte er dort gemeinsam mit seinem Team aus vier Bahnradfahrern an den Start gehen. Gold war sein Ziel und das bleibt es.

Fehler sind im Wettkampf nicht drin

Im Bahnradfahren treten Teams gegen- einander an. Die Fahrer erreichen mit speziellen Scheibenrädern ohne Bremsen Geschwindigkeiten von durchschnittlich 65 Kilometern pro Stunde. Die vier Sportler fahren dabei eng hintereinander, Reifen an Reifen. Erlaubt sich einer von ihnen einen Fehler und sei es nur, die Geschwindigkeit für einen Moment zu reduzieren, riskiert er die Gesundheit seiner Mitstreiter. Und natürlich die Zeiten. Im Wettkampf geht es darum, wahnsinnige Fahrtzeiten zu erreichen. Felix hat damit Erfahrung: Er hat bereits einen deutschen Rekord aufgestellt: 4,08 Minuten auf vier

Kilometer. Um solche Spitzenwerte erreichen zu können, musste der gebürtige Feuchtwangener jahrelang trainieren. Doch für Tokio im nächsten Jahr wird er noch einmal einen drauflegen. Schließlich tritt er dort gegen die besten Bahnradfahrer der Welt an. Für die an- stehenden zwölf Rennen konnten sich acht Teams qualifizieren. Aus Dänemark, Großbritannien, Australien, Neuseeland, Italien, der Schweiz und Kanada kommen seine Rivalen. Einige von ihnen kennt er bereits aus vergangenen Wettkämpfen, aus den Vorrunden und dem Training. Er sagt: „Wir sind Freunde geworden in der Zeit außerhalb der Bahn. Das Miteinander und der Sportlergeist – das ist es, was ich an diesem Sport so liebe.“

Ein aufregendes Leben führt der junge Profi, der durch die Sportfördergruppe der Deutschen Bundeswehr finanziert wird. Nach seiner Grundausbildung bei der Bundeswehr in Frankfurt (Oder) ist Felix für seinen Sport bis auf Weiteres freigestellt. Dafür darf er die Bahnradhalle in seiner Kaserne nutzen. Sie ist moderner als die in Leipzig und entspricht neuesten internationalen Standards. Er kennt aber bereits Hallen auf der ganzen Welt, die er für die Qualifikationen besuchen durfte. Zuletzt war Felix in Hongkong. „Gesehen habe ich dort aber nur das Hotel und die Bahn. Auf diesen Reisen steht allein der Sport im Zentrum.“

Absoluter Fokus auf das Training

Seine Woche besteht aktuell aus 32 Stunden Training. Dreimal die Woche ist er im Fitnessstudio und fünfmal sitzt er auf dem Rad. Das Radfahren ist wiederum unterteilt in Trainingseinheiten auf der Straße und auf der Bahn. Doppelt so oft fährt er auf der Straße, denn auch ein Bahnradfahrer braucht frische Luft. Dennoch sagt Felix überzeugt: „Ich liebe die Bahn! Diese Geschwindigkeit, der Rausch!“ Das sind die Faktoren, die ihn für diesen Sport so dermaßen motivieren, dass er bereits seit sechs Jahren kontinuierlich fährt und sich immer mehr steigert. Möglicherweise wird Olympia der Höhepunkt seiner Karriere. Ihm ist das bewusst und er weiß zugleich, dass er deshalb nicht verkrampfen darf. Hier zeigt sich, wie wichtig die psychische Komponente beim Sport tatsächlich ist. „Angst darf man nicht zulassen. Dann machst du Fehler und glaubst, es nicht zu schaffen.“ Ein sicherer Weg zu verlieren sei das. Vielmehr müsse auch er sich bei schwierigen Stimmungslagen, bei Rückschlägen oder Motivationsverlust immer wieder das Ziel vor Augen führen. „Das ganze Training ist bereits Teil des Wettkampfes. Und da ist einfach kein Platz für Nachlassen“, weiß der Radsportler.

Grenzen zu überschreiten ist notwendig

„Wenn du aber zu viel trainierst, riskierst du Muskelkrämpfe und Übersäuerungen.“ Um dem vorzubeugen, befolgt Felix ein ganz spezielles Ernährungsprogramm, das anhand regelmäßiger Blutbilder immer wieder angepasst wird. Er weiß: Er muss fit bleiben und sich trotzdem immer wieder über die Grenze pushen. Was das bedeuten kann? „Nun ja, ich sage es mal so. Wenn mir alles wehtut nach dem Training, weiß ich in jedem Fall, ich habe mich wieder etwas mehr gepusht. Das ist immer eine Gratwanderung – ohne diese Überschreitungen geht es einfach nicht, wenn du immer höhere Leistungen erreichen willst.“

Um trotzdem gesund zu bleiben, müssen Ruhezeiten eingehalten werden. Aktive und passive Entspannung nennen Profisportler das. Bei aktiver Entspannung geht Felix schwimmen: „Aber ganz ruhig!“, wie er betont. Erst im passiven Modus kommt er wirklich zur Ruhe.

„Im Urlaub lasse ich das Rad ganz bewusst stehen. Es muss auch noch etwas anderes geben im Leben“, weiß er. Wobei auch diese Ruhezeiten Teil des Trainings sind. Nur wenn er gesund und ausgeglichen ist, wird Felix in Tokio Höchstleistungen bringen können.

Das aber kann nach so einem Höhepunkt wie Olympia im Leben eines so jungen Menschen noch kommen? Egal, ob Felix in Tokio Gold holt oder nicht: Es wird ein Highlight nächsten August in Tokio, wenn die Weltbesten sich messen. „Ich will auf jeden Fall auf dem Rad bleiben, solange es geht“, sagt Felix. Er weiß ganz genau, dass die Leistung für den Profisport ab einem gewissen Alter einfach nicht mehr da ist. Wann dieser Zeitpunkt erreicht ist, lässt sich noch nicht sagen. „Genau, wie mein Vater heute Trainer ist, kann ich mir vor- stellen, dann ebenfalls meine Erfahrungen an die nächsten Generationen weiterzugeben. Vielleicht sogar dann an mein eigenes Kind,… wer weiß?“

(Erschienen in: MDV Nr. 1 / 2020, Leadagentur simons und schreiber, Bilder: Bertram Bölkow)

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