Nachts ist keine Katze grau

Nachts ist keine Katze grau

Mit der Dämmerung verwandelt sich der Zoo in ein Rotlichtviertel. Viele nachtaktive Tiere gehen nun auf Pirsch. Leipziger Leben war mit Tierpflegerin Andrea Denick, Safarihelm und Rotlichtlampe dabei. Eine Nachtwanderung.

„Tüpfelhyänen gehören übrigens zu den Katzen. Und bei ihnen herrscht ein Matriarchat. Die Weibchen halten einen erstaunlichen Trick parat, wie sie die Paarung regulieren. Sogar Experten fällt es oft nicht leicht, hier Männlein und Weiblein zu unterscheiden.“ Diese und andere Geheimnisse hält Andrea Denick über die nachtaktiven Raubtiere bereit, die man als Zoobesucher normalerweise nur während ihrer Ruhezeiten in der Afrika-Savanne zu Gesicht bekommt. Denick ist gelernte Tierpflegerin und mittlerweile angehende Veterinärmedizinerin. Die junge Frau gehört zum Fachpersonal des Leipziger Zoos und kann viele Geschichten über die großen und kleinen Bewohner von Leipzigs berühmtem Tierreich erzählen.

Es ist 19 Uhr, es dämmert, und die Safari durch den nächtlichen Zoo kann beginnen. Zuerst begrüßen wir den neuseeländischen Vogel Unhold, ein sogenannter Kea, der gerade noch so in Umrissen zu erkennen ist und keck schnarrend in seinem Gehege sitzt.

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Der Vogel heißt Unhold, weil er mit seinem Schnabel so ziemlich alles auseinandernimmt, was nicht niet- und nagelfest ist. In seiner Heimat sind das manchmal sogar Autos oder zumindest deren Außenspiegel, Scheibenwischer und Fensterdichtungen. Außen eher unspektakulär grün, offenbaren seine ausgebreiteten Flügel die Farbenpracht der untergehenden Sonne.

Zu Besuch in einer Geisterwelt

Das Besondere an einer Nachtwanderung durch den Zoo nach der offiziellen Schließzeit ist die Ruhe und eine geheimnisvolle Stimmung: Auch wenn man zum größten Teil auf bekannten Wegen wandelt, wird das Areal von der Dunkelheit verzaubert. Umrisse verschwimmen, Gebüsche wiegen sich wie zittrige Schattenwesen, das Ohr spitzt sich für jedes kleine Knacken und allerlei seltsame Geräusche und jede Windbewegung, jedes Huschen offenbart undeutlich das mögliche Geisterwesen eines Tieres, das ganz in der Nähe irgendwo wacht, döst oder in seine ureigene Traumwelt hineinschlummert. Die Tiere ziehen den nächtlichen Besucher in ihren Bann.

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Und tatsächlich. Da! Plötzlich steht ein solches Geisterwesen vor uns. Wir befinden uns mitten im Himalaya. Das jüngste Areal des Leipziger Zoos wurde im August 2017 eröffnet und beherbergt in einer dem Hochgebirge nachempfundenen Felslandschaft Schneeleoparden. „Das muss Chandra sein“, sagt Andrea Denick, die mit ihrer Rotlichttaschenlampe ein sehr elegantes Katzenwesen aus der Traumdunkelheit herausleuchtet. Die Leopardendame Chandra hat uns längst bemerkt und präsentiert sich ganz geschmeidig auf ihren Pfoten – wie auf flauschigen Fellschuhen laufend.

„Das rote Licht der Taschenlampe stört die Tiere nicht so wie normales Licht“, sagt Denick. Zugleich sorgt es auch für einen besonders geheimnisvollen Effekt, als würde man mit einem Nachtsichtgerät ins Gehege schauen. Chandra wohnt hier gemeinsam mit Laura und dem Leopardenkater Onegin. Es ist der Ehrgeiz des Zoos, diese Population nicht nur zu halten, sondern auch zu vermehren. Aber Schneeleoparden sind Einzelgänger und Revierbewohner. Es kommt deshalb auf den richtigen Zeitpunkt an. Deshalb sind Männlein und Weiblein hier zwar über einen Felsendurchgang verbunden, aber es gibt eine Klappe, die so lange verschlossen bleibt, bis die Leopardendame paarungsbereit ist, was sie dann mit markanten jaulenden Geräuschen anzeigt.

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Herausforderungen bei der Futtersuche

Schneeleoparden sind im Himalaya an wildschroffe Jagdgründe angepasst und man fragt sich, ob die Tiere sich hier nicht ein wenig langweilen. Die Expeditionsleiterin erklärt: „Die Tiere sind in ihrer Heimat stark gefährdet. Immer mehr Landschaft und unberührte Wildnis gehen durch menschliche Einflussnahme verloren. Schneeleoparden sind empfindlich, natürlich sollen sie beschäftigt werden. Deshalb lassen sich die Pfleger immer einiges einfallen.“ Die Fütterung wird mit kleinen Aufgaben verbunden. Das Futter wird manchmal versteckt oder erhöht an einem Baum befestigt, damit die Tiere beschäftigt sind. Manchmal verteilt man auch kleine Duftmarken von Zimt oder Tierhaar im Gelände. Dann spüren die Tiere die Geruchsquellen auf. Quirliger Nachwuchs und Aufzuchterfolge sind letztlich eine Bestätigung dafür, dass die Tiere sich wohlfühlen.

Gleich nebenan bei den Amurleoparden hat das schon geklappt.

Im April gab es hier Nachwuchs mit Leopardenzwillingen. Wir stehen in einem Durchgang vor einer Glasscheibe und werden beäugt von Großkatze Mia, die sich auch gerne mal einen Spaß daraus macht, durch plötzliches Aufbäumen gegen die Scheibe die Besucher zu erschrecken. „Tatsächlich ist das ein Spiel, bei dem sie gerne auch mal die Pfleger überrascht“, sagt meine Zooführerin. Weiter geht es zu den Löwen, die nachts im Löwenhaus nicht viel mehr tun als gemütlich zu dösen.

Elefanten haben eine Hebamme

Immer der roten Taschenlampe nach geht es weiter: Besuch bei den ganz Großen, den Elefanten. Diese Tiere schlafen im Schnitt nur etwa zwei Stunden am Tag, und das oft sogar im Stehen. Also ist es ihnen eher egal, ob es Tag oder Nacht ist. Jetzt im Elefantenhaus schnorcheln sie ein wenig im Sand umher auf der Suche nach kleinen Nahrungsresten. Elefanten sind Herdentiere. „Die Geburt ist bei Elefanten eine besonders schwierige Angelegenheit“, weiß Expertin Denick. „Es braucht immer eine erfahrene Leitkuh, die der Mutter beisteht und sie davon abhält, das Elefantenbaby unmittelbar nach der Geburt zu drangsalieren, da es ihr Schmerzen bereitet hat.“ Deshalb versucht man in Zoos für den Nachwuchs eine funktionierende Herdenstruktur mit einer erfahrenen Leitkuh zu halten, die werdenden Müttern bei der Geburt beisteht.

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Trotzdem spürt man aus der Nähe die majestätische Ausstrahlung und Kraft der Tiere. Löwen werden in Zoos viel älter als in der freien Natur, wo ihr Leben zumeist aus Verdrängungsstress, hohem Verletzungsrisiko, Jagen und Kämpfen besteht. Für die perfekte Nachtsicht haben Katzen eine Spiegelschicht in ihrem Augenhintergrund, die wie ein Fahrradreflektor funktioniert. Sie können damit das Restlicht stärker nutzen und lassen deshalb auch ihre Augen durch die Nacht funkeln.

Die Nacht hat sich nun vollständig über das gesamte Areal gelegt. Wir stehen vor der dunklen Savanne des Hyänengeheges. Tüpfelhyänen sind mysteriöse, sehr soziale und äußerst beißkräftige Tiere. Wie aus dem Nichts steht plötzlich ein Tier in seiner ganzen nachtäugigen Unergründlichkeit vor uns. Wir glauben, kurzzeitig das typische Hyänenlachen gehört zu haben, als perfekte Begleitmusik für ein nächtliches Zusammentreffen. Wir erfahren: Bei Hyänen haben die Weibchen das Sagen, und sie haben auch einen maskulinisierten Geschlechtsapparat. Wenn sie sich nicht paaren will, dann erigiert sie ihren „Penis“ und das Männchen weiß Bescheid.

So gäbe es noch viele Geschichten zu erzählen, aber die Nachtwanderung neigt sich nach zwei Stunden dem Ende. Die nächtlichen Rufe des Mähnenwolfes verabschieden uns in den Abend. Eine Nachtsafari durchs Tierreich mitten in Leipzig – eine unvergessliche Erfahrung.

(Erschienen in: Leipziger Leben Nr. 5 / 2017, Leadagentur Trurnit Leipzig, Bilder: Bertram Bölkow)

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