Tauchstation Klärwerk

Augen zu und durch: Der TauchService Naue geht im Klärwerk Rosental auf Tauchstation und bewahrt selbst im trüben Milieu die Ruhe.

Ralph Wilhelm kann die Hand vor Augen nicht sehen, als er, umgeben von Wasser und Klärschlamm, nach Verzopfungen fischt. Die langfaserigen Büschel, die an verfilzte Haare im Abfluss eines Waschbeckens erinnern, haben sich im Nachklärbecken der Kläranlage Rosental verfangen. „Dem Taucher helfen dabei die eigenen zehn Augen“, erklärt der Kollege und frühere Marinetaucher Kay Sieder und spreizt dabei seine zehn Finger.

Sieder steht derweil auf der Brücke des Beckens und hält den Kollegen Wilhelm wortwörtlich an der langen Leine. Der aus zwei Schläuchen bestehende Strang versorgt den Industrietaucher mit Sauerstoff und Funk-Anweisungen. Letztere kommen vom dritten Mann im Bunde, Industrietaucher und Einsatzleiter Denis Mirau, der sich auf dem Dach des Containers der Taucherfirma eingerichtet hat. Von dort aus hat er alles im Blick.

Benötigt Ralph Wilhelm etwa einen Hammer, dann erkennt Mirau am „Blasenbild“, wo das Werkzeug heruntergelassen werden kann. Vor jedem Einsatz muss der sogenannte Rundräumer des Beckens stillgelegt werden. Die auf Rädern befindliche Stahlkonstruktion schiebt den abgesetzten Schlamm beiseite und sorgt dafür, dass alles über eine Sogwirkung vom gereinigten Wasser abgezogen wird. Eine Gefahr für jeden Aquanauten.

Im Kontakt mit der Oberwelt

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Beim ersten Tauchgang, der etwa eine Stunde dauert, beschränkt sich Wilhelm auf die Überprüfung der allgemeinen Sachlage im Becken sowie das Lösen erster Verzopfungen. Dazu steigt er mit seinem rund 80 Kilogramm schweren Taucherausrüstung zunächst in den sogenannten Königsstuhl – ein mittig aufragendes Stahlbetonbauwerk, in dem der Zu- und Ablauf für Abwasser und Klärschlamm sowie Achsen und Technik der Rundräumer verortet sind. Anschließend tappt er ins dunkle Nass des Beckens, wobei er sich mit seinen „zehn Augen“ an Taucherleine und Räumer orientiert und stete Rücksprache mit Denis Mirau an der Sprechanlage hält. „Ein Eimer voller Verzopfungen, ein verkantetes Fahrwerk und hier und da muss ein bisschen nachgestellt werden. Kriegen wir heute fertig!“ – das Resümee Miraus klingt optimistisch. Er wird für die Reparaturen und den Radwechsel gleich selbst abtauchen.

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Immer in Betrieb

Doch weshalb eigentlich überhaupt tauchen – könnte man nicht einfach das Wasser ablassen, um dann trocken und bei guten Lichtverhältnissen die Anlage zu inspizieren? Könnte man. Doch dann müsste der Klärwerksbetrieb unterbrochen werden, aber diesen gilt es möglichst jederzeit zu gewährleisten. Schließlich werden im Klärwerk Rosental täglich etwa 110.000 Kubikmeter Abwasser gereinigt. Ein Abschalten der Anlage wäre aufwendig und teuer und ein funktionierendes Abwasserund Klärsystem ist bei den stetig wachsenden Einwohnerzahlen in Leipzig auch dringend erforderlich. Deshalb gehen die Wasserwerke mitunter ungewöhnliche Wege und holen sich das Know-how von Spezialisten ins Haus – oder eben ins Becken.

Seit 2011 geht die Firma TSN TauchService Naue daher jährlich in den insgesamt acht Nachklärbecken der Kläranlage Rosental auf Tauchstation.

Der frühere Sporttaucher und Leistungsschwimmer Kay Sieder ist sich seiner Verantwortung bewusst: „Letztes Jahr haben wir hier etwa einhundert Laufräder der verschiedenen Rundräumer ausgetauscht. Die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern des Klärwerks funktioniert hervorragend, da sie wissen, wie wichtig unser Job hier ist.“

Bleiben Sie ruhig!

Ob nun in Kläranlagen, Werften, Baugruben, Kraftwerken, Talsperren oder Brunnen – jeder Schritt und Flossenschlag wird am Abend vor dem Einsatz genauestens durchexerziert. „Jede Baustelle, jeder Job ist anders. Wir müssen sehr umsichtig sein. Daher gibt es vor jedem Tauchgang eine Gefahrenanalyse und einen Rettungsplan. Aber das ist auch der Kick, die Herausforderung, die ich an meiner Arbeit so liebe“, erzählt Sieder.

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Auch im Klärwerk Rosental gilt das oberste Gebot unter Tauchern: Ruhe bewahren. Schließlich hat jeder Taucher ein funktionierendes Team im Rücken. Einen am Funk, einen an der Leine und seine „zehn Augen“, die ihn schon sicher durch die dunkle, zähflüssige Masse geleiten werden.

(Erschienen in: Leipziger Leben Nr. 5 / 2017, Leadagentur Trurnit Leipzig, Bilder: Bertram Bölkow)

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