Auf jedem Boot ein Forscher

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Auf jedem Boot ein Forscher

 

Philipp Mattha möchte private Segelbootbesitzer mit einem sogenannten Sea Sampler ausstatten. Gemeinsam sollen sie ein Netzwerk bilden, das Ozeanforschern einen Fundus an unabhängigen Gewässerdaten zur Verfügung stellt – bereitgestellt von der Crowd.

Ein Boot steuert eine Bucht auf der Havel an. Die Motoren verstummen, ein Anker wird geworfen, die ersten Schwäne nähern sich neugierig. Ein Vorgang, der hier auf dem Wasser unweit der Paretz Akademie täglich dutzendfach passiert. Dennoch ist auf diesem Boot etwas anders. An Bord sind 10 Passagiere bestehend aus den Dream Developern Harald Katzenschläger und Hermann Garms sowie Teilnehmern des enpact-Workshops, der gerade in Paretz stattfindet.

Einer von ihnen ist Philipp Matha, und alle Augenpaare sind gerade auf ihn gerichtet. Philip hievt einen überdimensionalen Koffer in die Mitte der Anwesenden. Äußerlich könnte es sich um einen überdimensionierten Werkzeugkoffer mit Bohrmaschine, Hammer, Schraubenschlüsseln und allerlei Utensilien handeln. Doch sein tatsächlicher Inhalt ist weitaus filigraner und erinnert eher an einen Chemiebaukasten. Philip klappt den Koffer auf, und in Kanülen, Phiolen und kleinen Gläschen mit Flüssigkeiten in unterschiedlicher Farbe spiegelt sich das Licht der untergehenden Sonne.

Datensammlung mit der Crowd

„Sea Sampler“ nennt Phillipp den Koffer und seinen Inhalt, und die Idee dahinter ist einfach und zugleich bestechend. Besitzer von Segelbooten könnten solch ein Sampling-Kit erhalten, damit Wasserproben in jenen Gewässern entnehmen, auf denen sie gerade unterwegs sind. Anschließend würden sie die daraus gewonnenen Daten auf eine Online-Plattform hochladen und sie Forschungsinstitutionen oder NGOs zur Verfügung stellen. Der Clou dabei: Der Sea Sampler soll für die Segelbootbesitzer kostenfrei sein. Sie bekommen ein Analyse-Kit und eine Art symbolischen „Minus-Kredit“. Pro Probe wird ihnen ein Betrag gutgeschrieben, und sobald sie mit ihren Proben die Kosten für das Kit gedeckt haben, erhalten sie für jede weitere Wasserprobe einen kleinen Obulus.

Die Notwendigkeit solch eines Sampling-Kits erklärt Philipp so: „Die meisten Forscher und Institute haben nicht die Möglichkeit, Daten wie Salzgehalt, Temperatur und Chemikalien aus den Ozeanen und Binnengewässern flächendeckend zu sammeln“, erklärt der enpac-Teilnehmer. „Wir bieten ihnen deshalb ein Netzwerk an Segelbootbesitzern an, die für die Forscher die Sammlung der Proben übernehmen. So können wir mehr differenzierte Daten für die Ozeanforschung bereitstellen, damit wir alle unseren Planeten besser verstehen – und zeigen können, in welch katastrophalem Zustand die Gewässer inzwischen sind.“

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Live-Sampling in Paretz

Das Handling des Sea Sampler-Kits ist denkbar einfach. Philipp führt es live auf dem Boot vor. Mit zwei Kanülen zieht er je eine Wasserprobe aus der Havel. Je nachdem was getestet werden soll, mengt er anschließend eine entsprechende Indikationsflüssigkeit bei. Nach 30 Sekunden wird das Ergebnis digital angezeigt – in diesem Fall 3,1 mg Eisengehalt pro Liter. „Ein guter Wert für einen Fluss“, sagt Philipp zufrieden. Nach diesem Prinzip könnte jeder Segler zukünftig auf seinen Fahrten Wasserproben entnehmen und deren Ergebnis einem wachsenden, unabhängigen Datenfundus zuführen. Der Bedarf ist auf jeden Fall vorhanden, weiß Philipp. „Greenpeace Croatia möchte beispielsweise wissen, ob eine Fabrik in Ufernähe das Wasser verschmutzt. Hätten wir dort private Segelboote, die Proben entnehmen könnten, bekäme Greenpeace faktische Beweise und könnte Druck auf die Betreiber ausüben, eine umweltfreundlichere Technologie zu installieren.“

Globale Teamarbeit

Malek ist einer der Zuhörer auf dem Boot. Ihm fällt ein aktuelles Beispiel ein, bei dem die Analyse-Technologie ebenfalls helfen könnte. Zwischen dem Roten und dem Toten Meer werde derzeit ein Kanal gezogen, um die beiden Meere zu verbinden. „Doch niemand hat den Einfluss berechnet, den die jeweiligen Ökosysteme aufeinander haben könnten. Dazu könnte dieses Samling Kit sicherlich seinen Teil beitragen.“ Das ist einer jener enpact-Momente, die für Philip so wertvoll sind. „Events wie diese helfen mir sehr“, wird er später sagen, wenn alle wieder an Land gegangen sind. „Man spricht mit engagierten Leuten, die bei einem Thema unterschiedliche Perspektiven und unterschiedliche Herangehensweisen haben und aktiv mitdenken. Nur so kann man die heutigen Probleme aus meiner Sicht angehen – nämlich gemeinsam.“

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