April 2018

Hier wird an der Uhr gedreht

Deutschlands älteste Turmuhrenfabrik steht in Leipzig. Ein Blick hinters Zifferblatt dieses alten Handwerks der Firma Bernhard Zachariä.

Nur das Wort Leuchtturmwärter klingt vielleicht noch ähnlich exotisch wie Turmuhrmacher. Und tatsächlich haben die beiden Berufe wenigstens in einem Satz etwas gemeinsam: Das Ding auf dem Turm muss funktionieren und der Beruf ist selten geworden. Für die Turmuhren Deutschlands ist der Name der Firma Bernhard Zachariä ein klangvoller Name und sozusagen ein Leuchtturm der Branche. Denn für das Gebiet der ehemaligen DDR zwischen Suhl und Wismar ist es der älteste und traditionsreichste Betrieb, der sich um die großen Uhren kümmert. Insgesamt gibt es in Deutschland nur noch elf weitere Firmen in diesem Bereich. Doch der Name Zachariä hat Klang. Seit 1808 sollte in Deutschland gelten: Wer als Turm seiner Stadt formschön und pünktlich sagen möchte, was die Stunde geschlagen hat, den sollte eine Uhr von Bernhard Zachariä schmücken. Wo immer es in Leipzig Ding und Dong macht, oder wann immer man in Leipzig auf das Zifferblatt des Gohliser Schlösschens schaut oder einen Blick auf die Rathausuhr wirft, der hört und sieht ein Werk der Leipziger Firma oder ein Werk, das das Unternehmen betreut, pflegt und wartet.

Im Wandel der Zeit

Fast alle Turmuhren funktionieren wie früher Omas Standuhr: Gewichte hängen in einem Schacht nach unten und müssen nach einer Woche wieder nach oben gezogen werden. Eine Spindelhemmung überträgt die Kraft der Gewichte auf ein Pendel, das dann das Werk reguliert. Ein alter Klassiker der Mechanik, der seit dem 13. Jahrhundert große Uhrwerke antreibt. Bei gleichmäßiger Witterungslage hat solch eine Uhr eine Gangabweichung von einer Minute pro Woche. Eine erstaunliche Genauigkeit angesichts der groben und robusten Bauweise der Werke, deren Unverwüstlichkeit vielleicht mit ein Grund ist, weshalb es den Beruf des Turmuhrmachers als solchen nicht mehr gibt. „Wie viele Branchen, in denen Mechanik und Funktionen hauptsächlich von Hand hergestellt, eingestellt und gewartet werden, ist auch die unsrige mittlerweile exotisch und zusammengeschmolzen auf einige wenige Handwerksbetriebe. Das gilt auch für unseren Betrieb“, sagt Frank Blumrich, der sich um alle Turmuhren kümmert, die auf dem Gebiet der ehemaligen DDR ihr regelmäßiges Ding-Dong durch Städte und Gemeinden hallen lassen. Die Firma Bernhard Zachariä hatte bis zur Wende etwa 30 Mitarbeiter beschäftigt, war aber damals noch ganz anders ausgelastet als heute. Denn einst gab es so gut wie keine Funkuhren und nur wenige digitale Werke. Zum Tätigkeitsfeld gehörten daher nicht nur die Reparatur und Wartung aller Uhr- und Schlagwerke auf Rathäusern und Kirchtürmen. Auch Bahnhofsuhren und solche auf öffentlichen Plätzen mussten überprüft oder gar neu angefertigt werden.

Nach der Wende dann der große Einbruch wie in vielen Betrieben in den neuen Bundesländern. „Funkgesteuerte Uhren, die kein eigenes Werk mehr benötigen, ließen den Bedarf an unserem Handwerk deutlich zurückgehen. Deshalb mussten wir uns auf die vielen denkmalgeschützten und historischen Schlagwerke, Glockenspiele und Turmuhren konzentrieren“, erklärt Blumrich. Für 30 Mann gab es jedoch nicht mehr genug Arbeit, so dass die Mitarbeiterzahl auf zehn, vier und seit 2006 schließlich auf zwei Mitarbeiter zurückging. Die Firma wurde von der westdeutschen Turmuhrenmanufaktur Perrot als Muttergesellschaft übernommen, die als „Chefetage“ im schwäbischen Calw sitzt. Doch im Alltag arbeiten Frank Blumrich, gelernter Zerspaner und Metallfacharbeiter, sowie sein Kollege René Siebert, seines Zeichens Elektroinstallateur, ganz selbstständig im ostdeutschen Gebiet. Beide sind Spezialisten für die Mechanik der mächtigen Uhren. Deren grobe und einfache Bauweise erfordert keine gesonderte Uhrmacherausbildung, aber eine Spezialisierung und viel Erfahrung in der Materie.

Ein Blick in die Werkstatt

Wer einen Fuß in die Werkstatt in der Heiterblickstraße 42 setzen darf, schnuppert den vagen Duft aus Öl und Schmiermittel, der von den robusten, etwas in die Jahre gekommenen, aber gut gepflegten Fräsmaschinen, Drehbänken und Bohrtischen in die Nase steigt. Hier gehen die Aufträge ein, hier werden Wellen, Zahnräder und alle Verschleißteile von Turmuhren zwischen Zittau und Wismar neu angefertigt, gesäubert, nachgearbeitet und von Hand feinjustiert. In einer Ecke steht in einem Gestell ein komplett ausgebautes Turmuhrwerk des Turms aus Seifertshain bei Leipzig, das auf Vordermann gebracht werden und zudem einen elektrischen Aufzug bekommen soll. Ansonsten ist es an diesem Tag eher ruhig in der Werkstatt – eine Seltenheit. „Wir haben viele Wartungsfestverträge mit Städten und Gemeinden, für die wir mit unserem Werkstattwagen unterwegs sind. Dann steigen wir auf Rathaustürme, Kirchtürme und Glockenstühle und sorgen bei den Uhren für den richtigen Takt und stellen sie neu ein“, erzählt René Siebert.

„Manchmal bauen wir auch ein ganzes Werk aus und nehmen es mit, wenn große Restaurierungsarbeiten an den Türmen anfallen.“ Dabei zeigt er auf einen übermannshohen Zeiger einer Turmuhr, dessen Herkunft selbst ihm unbekannt ist. Der Zeiger steht schon seit den achtziger Jahren in der Werkstatt und niemand weiß mehr, welche Uhr ihn jetzt vermissen könnte. Aber er macht auf dekorative Weise die Dimensionen klar, in der Uhren hier gepflegt werden: in richtig großen.

Zeit für eine Wartungsrunde

Deutschlands größte Turmuhr, die die Mitarbeiter der Leipziger Turmuhrenfirma regelmäßig besteigen, befindet sich übrigens in Wittenberge an der Elbe am Turm der ehemaligen Nähmaschinenfabrik. Ihr großer Zeiger misst stolze 3,30 Meter, während das Zifferblatt mit einem Durchmesser von sieben Metern jenem des Big Ben in London entspricht. Doch hat auch sie ein modernes Herz, wird mittlerweile vollautomatisch betrieben und funkgesteuert. Der höchste Turm wiederum ist die Wismarer Marienkirche mit einer Höhe von immerhin 80 Metern. Weitaus handlicher präsentiert sich die kleine Turmuhr des alten Stötteritzer Rathauses, deren Werk in einer regulären Kontrollrunde von René Siebert gewartet wird. Am heutigen Tag stehen acht Uhren in Leipzig auf Sieberts To-do-Liste – unter anderem jene in Stötteritz. Beim Blick vom Turm knapp über der Firsthöhe der umliegenden Häuser zeigt sich das Völkerschlachtdenkmal.

In einer kleinen Kammer tickt das Werk, ein Originalbau der Firma Zachariä aus dem Jahre 1900. Und plötzlich wird klar, wie viele dieser Uhrwerke schon gleichmütig alle Zeitläufe hindurch getickt haben; im Tick und im Tack des 1. Weltkriegs, im Tick und Tack des 2. Weltkriegs, Tick, Tack der DDR – und heute und in allen Zeiten zur Viertel- und vollen Stunde ihr Ding und Dong in die Welt geschickt haben. Die Zeiten kommen und gehen. Die Uhren der Firma Bernhard Zachariä bleiben im Takt – solange wie Menschen wie Frank Blumrich und René Siebert immer mal wieder am Zahnrad der Zeit drehen.

(Erschienen in: Leipziger Leben Nr. 2 / 2018, Leadagentur Trurnit Leipzig, Bilder: Bertram Bölkow)

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