Von Fischen, Orgeln und Holz

Die diplomierte Holzrestauratorin Kerstin Klein aus Halle arbeitet als Alchemistin, Laborantin und geschickte Kunsthandwerkerin.

Haben Sie schon einmal vom Beluga-Stör gehört? Der bei Feinschmeckern begehrte Fisch gründelt in den russischen Zuflüssen von Kaspischem und Schwarzem Meer, in der Wolga und manchmal auch in der Donau. Kaviar heißt sein bekanntes Geschenk an den Menschen. Doch so mancher Fisch macht sich außerdem verdient an der bemalten Holzeinfassung, Prospekt genannt, der Hallenser Domorgel.

Das Kircheninstrument wird in diesen Wochen aufwendig restauriert – eine Arbeit, bei der Restauratorin Kerstin Klein als Expertin ganz in ihrem Element ist. Sie weiß auch, wie der Belugastör der Orgel hilft. „Aus der Schwimmblase des Störs wird ein besonderer Leim gefertigt, der extrem haltbar, klebfähig, stabil und elastisch ist“, erklärt die Restauratorin Klein. „Mit diesem Leim – und nur mit diesem Leim – kann abblätternde Farbe gefestigt und vor weiterem Verfall bewahrt werden.“

Früher gab es den Beruf des Fassmalers. Das waren Menschen, die Holz mit Farbfassungen versehen haben, mit Symbolen, Figuren, Ornamenten, Vergoldungen und manchmal sogar mit Imitationsmalereien – das sind Anstriche, die aussehen wie echtes Holz oder Marmor. Deren Farbarbeiten platzten über die Jahrhunderte immer mehr ab, wie es zum Beispiel auf der Holzeinfassung der Hallenser Orgel der Fall war. Und genau hier kommt der Störleim zum Einsatz. Er kriecht als Lösung unter die geplatzte Farbschicht und verbindet sie verlässlich und langfristig wieder mit dem Holz.

Als diplomierte Holzrestauratorin kennt Kerstin Klein natürlich nicht nur die speziellen Eigenschaften dieses Leims, sondern kann ihn auch selbst herstellen – ebenso wie viele andere Tinkturen, historische Lacke und Hilfsmittel, die sie braucht, um Holzobjekte zu reinigen, zu erhalten und Schadstellen auszubessern. Ihre Werkstatt ist damit zugleich ein modernes Labor, eine Tischlerei und ein kunsthandwerkliches Atelier.

Kerstin Klein hat ihr Handwerk von der Pike auf gelernt. Nach ihrer Ausbildung als Tischlerin studierte die Hallenserin Holzrestaurierung auf Diplom in Potsdam. Es folgte eine handwerkliche Wanderzeit durch Praktika und Projektarbeiten, in denen sie ihr theoretisches Wissen mit der praktischen Umsetzung verband. Dabei veredelte sie die Feinmotorik der Hand mit der Sensibilität von Ohren, Augen und Nase zu jener besonderen Kompetenz, die man als herausragende Holzrestauratorin benötigt: viel Wissen, Erfahrung, Geschick und Geduld sowie viel Liebe zum Material und zur Geschichte der Objekte.

Holzrestaurierung bewegt sich heute zwischen Wissenschaft, Kunst und Handwerk und sucht immer eine Balance zwischen Rekonstruktion und Erhaltung. „Das restaurierte Objekt sollte nach der Arbeit nicht wie neu gebaut erscheinen, so als sei gar keine Zeit vergangen“, sagt Kerstin Klein. Die Farbschichten am sichtbaren äußeren Teil der Wäldner-Orgel im Dom zu Halle werden deshalb hauptsächlich gefestigt und gereinigt, an vielen Stellen behutsam retuschiert und äußerlich im gewachsenen Zustand von 1907 restauriert. Das musikalische Orgelwerk wiederum soll später im Originalzustand von 1851 wieder erklingen.

Besonders strahlend und auffällig sind die vergoldeten Schleierbretter rund um die Pfeifen. Diese werden gerade mit sogenanntem Muschelgold restauriert, einer Farbe aus echtem Goldpulver, die früher in Muscheln gehandelt wurde. Auch hier wird Kerstin Klein ihr Geschick einsetzen und mit dem edlen Material unter Beweis stellen, dass ihre Wissenschaft und ihr Kunsthandwerk gerade heute wieder goldenen Boden haben oder in diesem Falle: goldenes Holz und goldene Hände.

(Erschienen in: MDV Nr. 3 / 2018, Leadagentur simons und schreiber, Bilder: Bertram Bölkow)

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