Wenn die Jugend groß denkt

Wenn die Jugend groß denkt

Im „Dorf der Jugend“ in Grimma ziehen Jugendliche an einem Strang, um sich Raum für eigene Ideen, Projekte und Festivitäten zu schaffen.

Ein kreischendes Sägegeräusch durchbricht die Idylle in einer großen Kreisstadt im MDV-Gebiet. Während ein Jugendlicher mit der Flex hantiert, hämmert ein junger Kollege einen Nagel ins Holz, unterschreibt eine junge Kollegin einen Förderantrag. Im „Dorf der Jugend“ in Grimma ist Teamwork angesagt. Die etwa 15-köpfige Kerngruppe, die sich aus überwiegend 19- bis 20-Jährigen zusammensetzt, nimmt den Ausbau des Areals der ehemaligen Spitzenfabrik in Angriff. Veranstaltungsraum, Fahrradwerkstatt, Lagerhalle, Büro, Garten, Fußballplatz und sogar ein Skatepark mit Basketballkorb: Die jungen Leute wissen nicht nur, was das Herz begehrt, sondern auch, wie Ideen und Pläne umgesetzt werden können. „Um Teamgeist zu schaffen, teilen wir uns in Arbeitsgruppen auf: AG Veranstaltung, AG Containercafé oder AG Kochen – alles freiwillig und immer mit der Möglichkeit, den Tätigkeitsbereich zu wechseln. So lernt jeder von allem etwas und bei der Weiterentwicklung des gemeinsamen Projekts ganz automatisch

mehr über seine individuellen Spezialgebiete“, erzählt Sarah, die sich als besonders geschickt im koordinativen Sektor sowie im Umgang mit Finanzen erwiesen hat.

Schnelles Lernen und Ausloten von Fähigkeiten ist im Dorf der Jugend auch vonnöten, wenn man von der Stelle kommen will. Nachdem Initiator Tobias Burdukat 2014 das Gelände gepachtet hatte, wurde unter Einbeziehung der unterschiedlichen Talente einer Gruppe Jugendlicher sogleich das erste von außen finanzierte Projekt losgetreten: Dank eines erfolgreichen Crowdfundings konnte ein alter Schiffscontainer in ein gemütliches Café umgewandelt werden. Was wiederum ein Anreiz für andere Jugendliche war, Zeit im „Dorf der Jugend“ zu verbringen, sich mit dem Konzept zu identifizieren und womöglich bald selbst Hand anzulegen. „Durch gemeinsame Filmabende, Aktionen wie „Build a Gewächshaus“, den viel genutzten Skatepark oder unser regelmäßiges „Crossover Festival“ werden immer mehr Jugendliche auf uns aufmerksam. Da wir selbst noch jung sind, wissen wir natürlich um die Vorlieben und das Budget der Zielgruppe, können hoffentlich bleibenden Eindruck hinterlassen und die Leute zum Mitmachen animieren“, berichtet die 19-jährige Johanna. Sie hat sich der Pressearbeit verschrieben, durfte aber im Aufgabenkarussell auch bereits mit einer Flex hantieren.

Die anfallenden Tätigkeiten im „Dorf der Jugend“ sind also nicht nur überaus vielseitig und gehen über den klassischen Schulalltag hinaus. Das Gefühl, Teil eines großen Ganzen zu sein, motiviert die Jugendlichen besonders. „Wir lernen hier viel mit Verantwortung umzugehen, da unser Tun direkte Auswirkungen auf das gesamte Team hat“, weiß Sarah. „Wenn jemand seine Aufgabe nicht übernimmt, dann geht es in dem Bereich auch nicht voran – mit unserem Engagement steht und fällt alles.“

Dabei nehmen die Teenager des „Dorfs der Jugend“ ihre Aufgaben ganz offenbar ernst, wie der kontinuierliche Fortschritt sowie die Wahrnehmung von außen beweisen. So war das Team 2018 für den „European Youth Culture Award“ nominiert und erhielt 2016 in der Kategorie „Charity“ den renommierten Medienpreis „Goldene Henne“. Dies sei zwar eine schöne Anerkennung und gäbe einen wichtigen finanziellen Boost, weiß Sarah. Unbezahlbar allerdings bliebe das, was das „Dorf der Jugend“ im Innersten zusammenhält: „Die Gruppendynamik und das Gefühl, dass alle wie Zahnräder ineinandergreifen.“ Ein funktionierendes Uhrwerk also, das mit Sicherheit noch über viele Generationen hinweg fleißig weiterticken wird.

(Erschienen in: MDV Nr. 1 / 2019, Leadagentur simons und schreiber, Bilder: Bertram Bölkow)

Sie mögen Storytelling? Dann lesen Sie weitere Texte der Texterkolonie: