Alles für den Puck

Bei den EXA Icefighters werden Helden geformt – im eigenen Nachwuchs, auf dem Eis und mit Teamspirit vom Cheftrainer bis zum Eismeister.

Eishockey ist ein schneller Sport. Richtig schnell. So schnell, dass selbst das Shooting mit Kapitän Florian „Eichi“ Eichelkraut nur zwei Minuten dauern darf. Dann ein lautes „Go!“. Trainer Sven Gerike brüllt sein Kommando durch die Halle, und urplötzlich wird es ohrenbetäubend laut. Ein hundertfaches Klacken von zig Pucks, Kufen fräsen sich in die Eisschicht, Schläger krachen, dazwischen die lauten Rufe der Spieler, und alles hundertfach verstärkt durch die hallende Höhe des Kohlrabizirkus. Eines ist schon jetzt klar: Eishockey ist allein schon vom Sound her echter Kampfsport.

Die EXA Icefighters Leipzig sind das Eishockeyteam der Messestadt, hervorgegangen aus den früheren Leipzig Blue Lions. Seit dem Umzug des Teams von Taucha zurück in den Kohlrabizirkus steht die Leipziger Gruppe mit auf dem Eis – bildlich gesprochen. Denn sie unterstützt den Club als Sponsor und fieberte daher wie der gesamte Verein dem Saisonstart in der Oberliga Nord Ende September entgegen. Wer allerdings glaubt, Eishockey sei ein Sport, bei dem man mit Muskelkraft und Körpermasse punktet, wird beim Training der EXA Icefighters schnell eines Besseren belehrt. Die meisten Spieler sind keine Hünen, sondern kompakt, athletisch, wendig. Der Sport ist weniger brachial als man denkt. Beinahe schon elegant. Und wie gesagt: unheimlich schnell.

Herzblut auf und neben dem Eis

Eishockey ist in Deutschland eine Randsportart, in der Oberliga noch viel mehr als in den höherklassigen Ligen. Zum Überleben braucht ein Club wie die Icefighters neben Sponsoren und echten Fans daher vor allem eines: Herzblut. Und das fließt in den Adern von Spielern, Trainern und dem Eismeister. Es gefriert auch nicht bei den kalten Temperaturen in der Halle. Was hier jeder Einzelne auf und neben dem Eis an Zeit, Energie und Überzeugung investiert, um Verein und Club am Leben zu halten, ist fast schon heroisch. Kopf der Mannschaft ist Florian Eichelkraut, der mit seiner Erfahrung das Team junger Wilder aufs Eis führt. Ein Sport für Helden?

„Vor allem ein Sport für Kämpfer“, meint der erfahrene Ligaspieler. „Bei aller Athletik ist Eishockey dennoch eine körperbetonte Sportart. Wenn es richtig laufen soll, muss sich jeder bis zur Grenze der Belastbarkeit aufopfern. Und wer kämpft, wird auch mal zum Helden.“ Sein Trainer nennt ihn einen „Lauch“, weil er mit seinem schmalen, drahtigen Körperbau so gar nicht ins Klischee-Bild des bulligen Spielers passen will. Doch der Eindruck täuscht: In Sachen Kraft und Koordination hat der Kapitän mit die besten Werte, und er ist einer, der sein Team motivieren kann. Ein Wortführer, der alle mitzieht, immer gewinnen will und inzwischen zur Identifikationsfigur für das Leipziger Eishockey geworden ist.

Kampfsport auf Kufen

Wer gewinnen will, muss kämpfen. Und wer kämpfen will, muss diesen Kampf üben. „Wir heißen nicht ohne Grund Icefighters“, erklärt Trainer Sven Gerike. „Ich will Zweikämpfe im Training sehen,auch wenn sich die Jungs nicht gegenseitig verletzen wollen. Aber ohne Härte geht nichts. Man muss auch mal draufgehen, den Körperkonktakt spüren und damit auf dem Eis klarkommen.“ Entsprechend gestaltet der ehemalige Profi die Trainingseinheiten: sehr spielorientiert, laufintensiv, körperbetont mit wenig Unterbrechungen und nur wenigen, dafür gezielten Ansagen. Die Spieler sollen ihre eigenen Entscheidungen treffen, meint er. Denn so sei es auch im Spiel. „Ich erkläre zwar gerne – aber nicht auf dem Eis, sondern später bei der Videoanalyse.“

Fantastische Nachwuchsarbeit

Der Betrieb der Anlage ist Clubsache – die siebenjährigen Knirpse, die jetzt das Eis betreten, interessiert nur eins: Eishockey. Die motivierten Kufenflitzer sind das Ergebnis einer fantastischen Nachwuchsarbeit, die in den letzten Jahren geleistet wurde. Aufgebaut wurde der Nachwuchs von Andreas Felsch, der als ehemaliger Profi im Jahr 2012 die sportliche Leitung des Jugendbereichs im Eishockey übernahm. „Der Nachwuchssport war damals im Prinzip nicht existent, wir begannen bei Null“, erinnert sich der sympathische Trainer. Damals startete er mit fünf Kindern – und nur sieben Jahre später ist der Verein bereits bei 120 Kids angelangt. Andreas Felsch allein würde das längst nicht mehr alleine schaffen, doch „ehrenamtliche Trainer fallen in Leipzig nicht vom Baum aufs Eis“, wie er sagt. Daher wurden auch Väter in die Pflicht genommen, die anfangs nur ein wenig Schlittschuhlaufen konnten, und gezielt weitergebildet. „Ohne diese Ehrenamtler würde unser Nachwuchsbetrieb schlicht nicht laufen“, hebt der Jugendchef die Rolle der engagierten Mitglieder hervor. Der Aufbau des Nachwuchses ist sein Baby, „und mir ist es wurscht, wie viel Arbeit und Überstunden das bedeutet. Wenn die Kinder mit strahlenden Augen vom Eis kommen, gibt mir das irre viel Kraft.“ Übrigens: von den 120 Kids sind 32 Mädchen mit von der Eispartie, die bis zur U17 in gemischten Mannschaften mitspielen.

Auf Eis wächst etwas

Andreas Felsch schaut aber auch mit Spannung auf die Entwicklung der 1. Mannschaft. Die Spieler sind den Sommer über während der Saisonpause in anderen Städten, trainieren Ausdauer, Kraft, Koordination und finden sich dann vor Saisonbeginn wieder in Leipzig zusammen. „Wir haben eine junge und wilde Mannschaft, und da schaut unser Cheftrainer Sven sehr genau, ob die Charaktere zusammenpassen. Er findet junge Spieler, die in anderen Clubs die dritte Geige spielen. Wir bauen sie auf, führen sie heran, formen sie zu Leistungsträgern und spielen mit ihnen ein intensives, offensives Spiel. Hier ensteht etwas Besonderes, da bin ich mir sicher.“ Die Vorzeichen dafür stehen auf jeden Fall gut: Nach RB Leipzig und den Handballern des SC DHfK Leipzig sind die EXA Icefighters immerhin die Nummer drei in der Sportstadt und belegten bei der letzten Wahl zu den Sportlern des Jahres zweite und dritte Plätze. Doch da geht noch mehr – mit Herzblut, Kampfgeist, und der einen oder anderen Heldentat in der neuen Saison. Soll mal noch einer sagen, auf Eis würde nichts wachsen.

(Erschienen in: Leipziger Leben Nr. 4 / 2019, Leadagentur Trurnit Leipzig, Bilder: Bertram Bölkow)

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Der Syndenfall

In Leipzig braut sich was zusammen: Der studierte Geograph Nico Synowzik schafft mit seinem »Synde Bräu« auf der Landkarte des Craft Beers eine neue Insel des Genusses.

Aus Langeweile wird Extravaganz: So könnte man die Geburt der Craft Beer-Bewegung in den USA der 70er Jahre beschreiben. Nach dem Ende der Prohibition beherrschten jahrelang lediglich drei Biersorten den Markt, die für drei Attribute standen: billig, leicht und alle schmeckten gleich. Deshalb versuchten Bierfans als Laien bald, ihr eigenes Hopfengetränk mit durchaus eigenwilligen Geschmacksrichtungen zu brauen und schufen damit die ersten Craft Beers – ein Begriff, der längst auch in Deutschland angekommen ist.

Mixtur aus Tradition und Innovation

Craft Beer gibt’s zum Beispiel auch in Leipzig. Hier braut und werkelt Nico Synowzik unter dem Markennamen „Synde Bräu“ – eine eingängige Abwandlung seines Nachnamens und zugleich hervorragende Vorlage für Wortspiele á la »Immer eine Synde wert«, die seine Flaschenetiketten zieren. Individualität ist bei „Synde Bräu“ Trumpf – schließlich ist das auch der entscheidende Punkt, der Craft Beer

von Massenprodukten unterscheidet: Es zeichnet sich durch die Kreativität der sogenannten „Homebrewer“ aus. Geradezu experimentell hantieren sie mit alternativen Zutaten wie Kaffeebohnen, Orangenschalen, Chili oder Kürbis, um alten Brautraditionen neues Leben einzuhauchen und unkonventionelle Geschmacksrichtungen in die Flasche zu füllen. „Auf Reisen habe ich schon immer gerne einheimische Biere verkostet“, erzählt der 42-jährige Geograph, der jahrelang im Einzelhandel tätig war. „Aber was ich 2014 in den USA erlebt habe, übertraf alles. Gab es dort vor 25 Jahren vielleicht 40 Brauereien, so sind es heute über 6000 – und jede Kleinstadt besitzt ihren eigenen Brewpub.“

Nico Synowzik hatte Blut geleckt, oder besser: Sud geschmeckt. Er absolvierte einige Praktika in unterschiedlichen Brauereien, ließ sich die Feinheiten des Brauens erklären, und 2014 musste endlich die eigene Brau-Anlage her – mit Gasbrenner, Kochtopf, Malz, Hopfen, Hefe und natürlich extravagante Zutaten für die Gaumenfreude der besonderen Art. Zuerst wagte sich der Leipziger an ein in der Craft Beer-Szene anerkanntes IPA – dem sogenannten India Pale Ale. Dieses Bier wurde einst von England in die damalige Kolonie Indien verschifft und mit so viel Hopfen eingebraut, dass es besonders lange haltbar war. Daher schmeckt das IPA so blumig und fruchtig. Kein Wunder, dass Nico Synowzik von Freunden gefragt wurde, „ob ich da Fruchtsaft hineingeschüttet hätte!“ Die Synde-Euphorie war jedenfalls groß, sodass er im Mai 2017 den Entschluss fasste, alles auf eine Karte zu setzen und sich als Bierbrauer selbstständig machte.

So schmeckt der Sommer

2018 fand er schließlich mit einer hohen Halle in der Hohen Straße den perfekten Ort, um die Produktion des selbstgemachten Gebräus auf eine höhere Stufe zu hieven. Eine Location, die dank der Tram-Anbindung in der Leipziger Südvorstadt für die Bierfans im ganzen MDV-Gebiet hervorragend erreichbar ist. Hier sollen in diesem Jahr 50.000 Liter feinstes Synde Bräu hergestellt werden – ein Wert, auf den Großbrauereien in drei bis vier Stunden kommen, der für Nico Synowzik allerdings einen Quan-tensprung darstellt. Neben dem IPA, Pils und Blonden wagen er und sein 34-jähriger Braumeister Pieter Rosenlöcher neue, kleine Sorten vom belgischen Rezept über ein englisches Ale bis zu Sorten mit Chili, Kokosnuss oder extra viel Hopfen. Auch saisonale Biere sind bereits in petto. „Im Sommer geht unser obergäriges „Südwind“ an den Start. Im Herbst wird unser sogenanntes „Pumpkin Ale“ dank der Beigabe von Kürbis den gewissen Halloween-Touch verbreiten, und im Winter steht ein dunkleres Bier mit mehr Umdrehungen an, um den kälteren Temperaturen beizukommen.“

Bezogen können die Eigenkreationen in der Hohen Straße, bevorzugt am Donnerstag und Freitag zwischen 15 und 21 Uhr. Doch auch der Einzelhandel, die Gastronomie und sogar eine erste Rewe-Filiale in Leipzig-Plagwitz haben Synde Bräu im Regal stehen.

„Toll, dass unsere Kunden inzwischen auch unser Bier konsumieren können, wenn wir gerade geschlossen haben oder kräftig am Produzieren sind“, freut sich Braumeister Rosenlöcher. „Wir wollen Synde Bräu auf jeden Fall bekannter machen, gerade im MDV-Gebiet – wenn auch nicht um jeden Preis.“ Damit meinen die beiden vor allem den Preis der Individualität: Das Privileg, seine Biere so produzieren zu können, wie sie ihnen letzten Endes selbst am allerbesten munden.

 

 

(Erschienen in: MDV Nr. 2 / 2019, Leadagentur simons und schreiber, Bilder: Bertram Bölkow)

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Wenn die Jugend groß denkt

Im „Dorf der Jugend“ in Grimma ziehen Jugendliche an einem Strang, um sich Raum für eigene Ideen, Projekte und Festivitäten zu schaffen.

Ein kreischendes Sägegeräusch durchbricht die Idylle in einer großen Kreisstadt im MDV-Gebiet. Während ein Jugendlicher mit der Flex hantiert, hämmert ein junger Kollege einen Nagel ins Holz, unterschreibt eine junge Kollegin einen Förderantrag. Im „Dorf der Jugend“ in Grimma ist Teamwork angesagt. Die etwa 15-köpfige Kerngruppe, die sich aus überwiegend 19- bis 20-Jährigen zusammensetzt, nimmt den Ausbau des Areals der ehemaligen Spitzenfabrik in Angriff. Veranstaltungsraum, Fahrradwerkstatt, Lagerhalle, Büro, Garten, Fußballplatz und sogar ein Skatepark mit Basketballkorb: Die jungen Leute wissen nicht nur, was das Herz begehrt, sondern auch, wie Ideen und Pläne umgesetzt werden können. „Um Teamgeist zu schaffen, teilen wir uns in Arbeitsgruppen auf: AG Veranstaltung, AG Containercafé oder AG Kochen – alles freiwillig und immer mit der Möglichkeit, den Tätigkeitsbereich zu wechseln. So lernt jeder von allem etwas und bei der Weiterentwicklung des gemeinsamen Projekts ganz automatisch

mehr über seine individuellen Spezialgebiete“, erzählt Sarah, die sich als besonders geschickt im koordinativen Sektor sowie im Umgang mit Finanzen erwiesen hat.

Schnelles Lernen und Ausloten von Fähigkeiten ist im Dorf der Jugend auch vonnöten, wenn man von der Stelle kommen will. Nachdem Initiator Tobias Burdukat 2014 das Gelände gepachtet hatte, wurde unter Einbeziehung der unterschiedlichen Talente einer Gruppe Jugendlicher sogleich das erste von außen finanzierte Projekt losgetreten: Dank eines erfolgreichen Crowdfundings konnte ein alter Schiffscontainer in ein gemütliches Café umgewandelt werden. Was wiederum ein Anreiz für andere Jugendliche war, Zeit im „Dorf der Jugend“ zu verbringen, sich mit dem Konzept zu identifizieren und womöglich bald selbst Hand anzulegen. „Durch gemeinsame Filmabende, Aktionen wie „Build a Gewächshaus“, den viel genutzten Skatepark oder unser regelmäßiges „Crossover Festival“ werden immer mehr Jugendliche auf uns aufmerksam. Da wir selbst noch jung sind, wissen wir natürlich um die Vorlieben und das Budget der Zielgruppe, können hoffentlich bleibenden Eindruck hinterlassen und die Leute zum Mitmachen animieren“, berichtet die 19-jährige Johanna. Sie hat sich der Pressearbeit verschrieben, durfte aber im Aufgabenkarussell auch bereits mit einer Flex hantieren.

Die anfallenden Tätigkeiten im „Dorf der Jugend“ sind also nicht nur überaus vielseitig und gehen über den klassischen Schulalltag hinaus. Das Gefühl, Teil eines großen Ganzen zu sein, motiviert die Jugendlichen besonders. „Wir lernen hier viel mit Verantwortung umzugehen, da unser Tun direkte Auswirkungen auf das gesamte Team hat“, weiß Sarah. „Wenn jemand seine Aufgabe nicht übernimmt, dann geht es in dem Bereich auch nicht voran – mit unserem Engagement steht und fällt alles.“

Dabei nehmen die Teenager des „Dorfs der Jugend“ ihre Aufgaben ganz offenbar ernst, wie der kontinuierliche Fortschritt sowie die Wahrnehmung von außen beweisen. So war das Team 2018 für den „European Youth Culture Award“ nominiert und erhielt 2016 in der Kategorie „Charity“ den renommierten Medienpreis „Goldene Henne“. Dies sei zwar eine schöne Anerkennung und gäbe einen wichtigen finanziellen Boost, weiß Sarah. Unbezahlbar allerdings bliebe das, was das „Dorf der Jugend“ im Innersten zusammenhält: „Die Gruppendynamik und das Gefühl, dass alle wie Zahnräder ineinandergreifen.“ Ein funktionierendes Uhrwerk also, das mit Sicherheit noch über viele Generationen hinweg fleißig weiterticken wird.

(Erschienen in: MDV Nr. 1 / 2019, Leadagentur simons und schreiber, Bilder: Bertram Bölkow)

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Der Leipziger Tätowierer Sascha Philipp erfüllt seinen Kunden Wünsche aus Farbe, die bleibt – ein Leben lang.

Ein schrilles Geräusch wie von einem Bohrer, ein schmerzverzerrtes Gesicht und eine Person mit spitzem Gerät in der Hand: Man könnte glauben, man wäre inmitten einer intensiven Zahnoperation. Allerdings läuft im Hintergrund eine alte Green-Day-Platte, die Wände sind voller Poster mit verschlungenen Motiven und das kreischende Gerät ist kein Bohrer, sondern eine mit Farbe gefüllte Tätowiernadel.

Willkommen im Tätowierstudio „Needleswing“ in Leipzig-Schleußig, wo so mancher leiden muss, der schön sein will. Das Tattoo-Studio besitzt tatsächlich eine grundlegende Gemeinsamkeit mit einer Zahnarzt-Praxis: Auch hier geht es höchst hygienisch zu. Einwegnadeln, Einweghand- schuhe sowie Einwegfarbtöpfchen verhindern die Übertragung von Keimen. Ein hygienisches Bewusstsein und professionelles Equipment sind beim Tätowieren allerdings nicht alles, weiß der erfahrene Tätowierer Sascha Philipp, der „Needleswing“ gemeinsam mit seinem Freund und Mentor André Menzel betreibt:

„Das wichtigste Werkzeug beim Tätowieren ist eine ruhige Hand“, erzählt der 43-Jährige. „Zudem sollte man künstlerisches Talent sowie ein Gefühl für Form und Ästhetik mitbringen, um das Motiv nachher vorteilhaft am Körper platzieren zu können.“ Dabei arbeitet der gebürtige Leipziger gerne mit Matrizen – das ist ein spezielles Papier, auf dem das Motiv erst vorgezeichnet, dann wie ein Stempel auf die Haut gedrückt und schließlich mit der Nadel nachgefahren wird. So kann sich ein Kunde bereits vorab eine Vorstellung machen, wie die Zeichnung auf der gewünschten Körperstelle aussehen wird. Das Ergebnis ist eine Tätowierung, deren Farbe aus Pigmenten, Konservierungsstoffen sowie Löse- und Verdickungsmitteln besteht und mit bis zu 10.000 Stichen pro Minute in der zweiten Hautschicht verewigt wird.

Flea ist schuld
Eine ruhige Hand an der Nadel beweist Sascha Philipp bereits seit 18 Jahren, das Talent fürs Zeichnen schon seit seiner frühesten Kindheit. Nach dem Abitur auf einem Gymnasium mit künstlerischem Schwerpunkt fertigte er für einen Tätowierer jahrelang Entwürfe an, bevor er mit 25 Jahren den Stift gegen die Nadel eintauschte. Die Leidenschaft für das Tattoo entdeckte er bereits Anfang der 1990er Jahre, als die ersten Musikvideos und großflächig tätowierte Rock-Ikonen über die Mattscheiben flimmerten: „Mein allererstes Tattoo landete auf meiner Schulter – inspiriert durch Flea, den Bassisten von den Red Hot Chili Peppers, der dort ein ähnliches Motiv trug.“ Nachdem ihm sein damaliger Tätowierer wiederholt die Nadel in die Haut gesetzt hatte, schaute er sich Zeichnungen von Sascha Philipp an – und nahm ihn sofort in die Lehre.

Schon der Ötzi war tätowiert
Tätowierungen sind Kult und Kultur, je nachdem, in welchem Land man sich befindet. Und vor allem haben sie eine lange Geschichte. Im British Museum in London fanden Forscher per Infrarot-Technik auf einer ägyptischen Mumie Abbildungen eines Schafs und eines wilden Bullen, die auf 3351 bis 3017 v. Chr. datiert sind und in ihrem Stil an Malereien auf antiken Tontöpfen erinnern. Die älteste Tätowierung allerdings wurde auf dem mumifizierten Höhlenmann Ötzi gefunden, der im Jahr 3370 v. Chr. gelebt haben soll. Auf der Jahrtausende alten Leiche konnten 61 überwiegend geometrische Figuren, Linien und Punkte ausgemacht werden, die wohl in den Körper geritzt und anschließend mit einer Art Kohlepulver gefärbt worden waren.

Von Symbolik bis Sex
Ob als Mitgliedszeichen oder rituelles Symbol, als Ausdrucksmittel für Exklusivität, Selbstdarstellung und Abgrenzung, ob als Zeichen politischer Stellungnahme und nicht zuletzt zur Steigerung der sexuellen Anziehungskraft: Jedes Tattoo besitzt eine eigene Bedeutung, eine eigene Motivation und einen eigenen Stil. Manche werden sogar rein kosmetisch eingesetzt: Beim Permanent-Make-up werden die Konturen von Augen oder Lippen dauerhaft hervorgehoben. Bei einem Soundwave-Tattoo lässt man sich Schallwellen in die Haut eingravieren, die man anschließend via App als Audiospur abhören kann. Der erste Schrei des eigenen Nachwuchses oder von Klaus Kinski rezitierte Brachialpoesie? Zeilen und Geräusche, die buchstäblich unter die Haut gehen. Persönlich mit seinen Tattoos identifizieren kann sich auch Saschas Kunde Richard. Sein erstes Tattoo war einst ein flammender 8-Ball aus dem Billardsport – ein Motiv, das für Richard für Entscheidungsfreudigkeit und Leidenschaft steht: „Der 8-Ball ist im Billard die letzte Kugel“, erzählt der Leipziger. „Sie entscheidet über Sieg und Niederlage. Als ich ihn mir stechen ließ, war ich an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich die Dinge selbst in die Hand nehmen wollte – mit all seinen positiven und negativen Konsequenzen.“

Dafür nimmt er den temporären Schmerz der Nadel, den er als „unangenehmes bis marterndes Kratzen“ beschreibt, gerne in Kauf. Dieser Schmerz darf nicht einmal mit Alkohol oder anderen Drogen betäubt werden. „Zunächst schränkt Alkohol die Zurechnungsfähigkeit ein, wodurch schon von Rechts wegen kein gültiger Vertrag zustande kommt“, erklärt Sascha Philipp. „Zudem weitet Alkohol die Blutgefäße. Die Haut nimmt dann die Farbe schwerer an, was dazu führen kann, dass die Linien auslaufen.“ Aus einem kraftstrotzenden Adler auf der Haut wird dann schnell ein altersschwacher, übergewichtiger Geier mit Hängekinn. Grund genug, auf Urlaubsreisen im angetrunkenen Zustand besser einen großen Bogen um dubiose Tätowier-Höhlen zu machen. Und lieber auf den Fachmann zu vertrauen. Auf einen wie Sascha Philipp – die Tätowiernadel von Schleußig.

(Erschienen in: Leipziger Leben Nr. 2 / 2019, Leadagentur Trurnit Leipzig, Bilder: Bertram Bölkow)

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Von Fischen, Orgeln und Holz

Die diplomierte Holzrestauratorin Kerstin Klein aus Halle arbeitet als Alchemistin, Laborantin und geschickte Kunsthandwerkerin.

Haben Sie schon einmal vom Beluga-Stör gehört? Der bei Feinschmeckern begehrte Fisch gründelt in den russischen Zuflüssen von Kaspischem und Schwarzem Meer, in der Wolga und manchmal auch in der Donau. Kaviar heißt sein bekanntes Geschenk an den Menschen. Doch so mancher Fisch macht sich außerdem verdient an der bemalten Holzeinfassung, Prospekt genannt, der Hallenser Domorgel.

Das Kircheninstrument wird in diesen Wochen aufwendig restauriert – eine Arbeit, bei der Restauratorin Kerstin Klein als Expertin ganz in ihrem Element ist. Sie weiß auch, wie der Belugastör der Orgel hilft. „Aus der Schwimmblase des Störs wird ein besonderer Leim gefertigt, der extrem haltbar, klebfähig, stabil und elastisch ist“, erklärt die Restauratorin Klein. „Mit diesem Leim – und nur mit diesem Leim – kann abblätternde Farbe gefestigt und vor weiterem Verfall bewahrt werden.“

Früher gab es den Beruf des Fassmalers. Das waren Menschen, die Holz mit Farbfassungen versehen haben, mit Symbolen, Figuren, Ornamenten, Vergoldungen und manchmal sogar mit Imitationsmalereien – das sind Anstriche, die aussehen wie echtes Holz oder Marmor. Deren Farbarbeiten platzten über die Jahrhunderte immer mehr ab, wie es zum Beispiel auf der Holzeinfassung der Hallenser Orgel der Fall war. Und genau hier kommt der Störleim zum Einsatz. Er kriecht als Lösung unter die geplatzte Farbschicht und verbindet sie verlässlich und langfristig wieder mit dem Holz.

Als diplomierte Holzrestauratorin kennt Kerstin Klein natürlich nicht nur die speziellen Eigenschaften dieses Leims, sondern kann ihn auch selbst herstellen – ebenso wie viele andere Tinkturen, historische Lacke und Hilfsmittel, die sie braucht, um Holzobjekte zu reinigen, zu erhalten und Schadstellen auszubessern. Ihre Werkstatt ist damit zugleich ein modernes Labor, eine Tischlerei und ein kunsthandwerkliches Atelier.

Kerstin Klein hat ihr Handwerk von der Pike auf gelernt. Nach ihrer Ausbildung als Tischlerin studierte die Hallenserin Holzrestaurierung auf Diplom in Potsdam. Es folgte eine handwerkliche Wanderzeit durch Praktika und Projektarbeiten, in denen sie ihr theoretisches Wissen mit der praktischen Umsetzung verband. Dabei veredelte sie die Feinmotorik der Hand mit der Sensibilität von Ohren, Augen und Nase zu jener besonderen Kompetenz, die man als herausragende Holzrestauratorin benötigt: viel Wissen, Erfahrung, Geschick und Geduld sowie viel Liebe zum Material und zur Geschichte der Objekte.

Holzrestaurierung bewegt sich heute zwischen Wissenschaft, Kunst und Handwerk und sucht immer eine Balance zwischen Rekonstruktion und Erhaltung. „Das restaurierte Objekt sollte nach der Arbeit nicht wie neu gebaut erscheinen, so als sei gar keine Zeit vergangen“, sagt Kerstin Klein. Die Farbschichten am sichtbaren äußeren Teil der Wäldner-Orgel im Dom zu Halle werden deshalb hauptsächlich gefestigt und gereinigt, an vielen Stellen behutsam retuschiert und äußerlich im gewachsenen Zustand von 1907 restauriert. Das musikalische Orgelwerk wiederum soll später im Originalzustand von 1851 wieder erklingen.

Besonders strahlend und auffällig sind die vergoldeten Schleierbretter rund um die Pfeifen. Diese werden gerade mit sogenanntem Muschelgold restauriert, einer Farbe aus echtem Goldpulver, die früher in Muscheln gehandelt wurde. Auch hier wird Kerstin Klein ihr Geschick einsetzen und mit dem edlen Material unter Beweis stellen, dass ihre Wissenschaft und ihr Kunsthandwerk gerade heute wieder goldenen Boden haben oder in diesem Falle: goldenes Holz und goldene Hände.

(Erschienen in: MDV Nr. 3 / 2018, Leadagentur simons und schreiber, Bilder: Bertram Bölkow)

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199 Stufen über Oschatz

Nur noch 16 Türmer gibt es in ganz Deutschland. Alexander Nitsche ist einer von ihnen und erzählt in Oschatz seinen Besuchern von Leben und Arbeit längst vergangener Tage.

In einem Kirchturm arbeiten, kochen und schlafen? Für sogenannte Türmer war das im Mittelalter ganz normaler Alltag. Sie richteten sich über den Dächern der Städte häuslich ein, läuteten zur vollen Stunde die Glocken, beobachteten die Umgebung und schlugen bei Bränden oder feindlichen Übergriffen Alarm.

Alexander Nitsche ist bis heute Türmer. Der alteingesessene Oschatzer empfängt in der traditionell eingerichteten Türmerwohnung der St. Aegidienkirche Gäste von nah und fern und gibt ihnen auf drei Etagen einen Einblick in das Leben der einstigen Türmerfamilie Quietzsch.

„Seit 1899 betätigten die Quietzschs das Zugseil für die Feuerglocke, hängten rote Fahnen in Rich- tung eines Brandes oder navigierten die Feuerwehrmänner mit Licht und Megafon“, schwärmt der historisch interessierte Nitsche. Und da zu jeder Nacht- und Tageszeit Gefahren drohten, war es durchaus hilfreich, dass die Familie um Türmer Ernst Paul Quietzsch gleich zwölf Kinder zählte. Auch wenn es auf den insgesamt 100 Quadratmetern mit insgesamt 14 Köpfen platzmäßig ziemlich „kuschelig“ wurde, hatten die vielen Nachkommen einen entscheidenden Vorteil: Die Quietzschs konnten bequem in Schichten arbeiten und damit Oschatz gemeinsam sichern. Neben der Feuerwache gehörte zu ihren Diensten, sozusagen als Nachweis, dass sie wirklich über die Stadt wachten, das Anschlagen der Glocke zur vollen Stunde sowohl des Tages wie auch zur Nacht.

Die letzte Tochter der Familie zog 1967 aus dem Turm aus, doch Charme und Alltag der damaligen Zeit kann man heute noch bei einem Besuch des aktuellen Türmers Alexander Nitsche miterleben. Neben der historisch nachempfundenen hergerichteten Schuhmacherwerkstatt in der ersten Etage mit originalgetreuen Werkzeugen aus dieser Zeit warten insgesamt vier große Glocken, ein niedliches Kaffeestübchen in der zweiten Etage und natürlich der atemberaubende Weitblick über die nordsächsische Stadt und Landschaft auf jährlich über 5.000 Besucher. Alexander Nitsche hat dabei jede Menge zu tun.

„Ich übernehme alle Aufgaben, die zum Funktionieren eines Haushalts beitragen“, erzählt der diplomierte Maschinenbauer und einstige Produktionsleiter. „Neben Pflege- und Reinigungsarbeiten erledige ich die Buchführung, das Verteilen von Flyern und Broschüren oder den Einkauf von Getränken. Natürlich gebe ich auch einen Einblick in die Geschichte der Familie Quietzsch – und da ich gerne mit Menschen zusammenarbeite, ist der Job wie für mich gemacht!“ Der hauptamtliche Türmer erfüllt heute folglich eher repräsentative Zwecke – das Läuten der Glocken sowie alle anderen Aufgaben der einstigen Türmer hat die moderne Technik übernommen.

Ist die weiße Fahne mit dem Symbol der Aegidienkirche am Kirchturm sichtbar, wissen Besucher: Der Türmer öffnet seine Türen. Von Dienstag bis Freitag übernimmt Alexander Nitsche den Empfang selbst, während er an Wochenenden und Feiertagen von einem der mittlerweile über 40 ehrenamtlichen Türmer und Türmerinnen abgelöst wird. Seit 20 Jahren ist die urige Wohnung nun schon ein beliebtes Ausflugsziel, das 1998 vollständig restauriert wurde. Ein historisches Kulturgut, das in drei Etagen und auf jeder seiner 199 Stufen Geschichte erlebbar macht – bis man in 70 Metern Höhe diesen einzigartigen Blick genießen darf.

(Erschienen in: MDV Nr. 2 / 2018, Leadagentur simons und schreiber, Bilder: Bertram Bölkow)

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Hier wird an der Uhr gedreht

Deutschlands älteste Turmuhrenfabrik steht in Leipzig. Ein Blick hinters Zifferblatt dieses alten Handwerks der Firma Bernhard Zachariä.

Nur das Wort Leuchtturmwärter klingt vielleicht noch ähnlich exotisch wie Turmuhrmacher. Und tatsächlich haben die beiden Berufe wenigstens in einem Satz etwas gemeinsam: Das Ding auf dem Turm muss funktionieren und der Beruf ist selten geworden. Für die Turmuhren Deutschlands ist der Name der Firma Bernhard Zachariä ein klangvoller Name und sozusagen ein Leuchtturm der Branche. Denn für das Gebiet der ehemaligen DDR zwischen Suhl und Wismar ist es der älteste und traditionsreichste Betrieb, der sich um die großen Uhren kümmert. Insgesamt gibt es in Deutschland nur noch elf weitere Firmen in diesem Bereich. Doch der Name Zachariä hat Klang. Seit 1808 sollte in Deutschland gelten: Wer als Turm seiner Stadt formschön und pünktlich sagen möchte, was die Stunde geschlagen hat, den sollte eine Uhr von Bernhard Zachariä schmücken. Wo immer es in Leipzig Ding und Dong macht, oder wann immer man in Leipzig auf das Zifferblatt des Gohliser Schlösschens schaut oder einen Blick auf die Rathausuhr wirft, der hört und sieht ein Werk der Leipziger Firma oder ein Werk, das das Unternehmen betreut, pflegt und wartet.

Im Wandel der Zeit

Fast alle Turmuhren funktionieren wie früher Omas Standuhr: Gewichte hängen in einem Schacht nach unten und müssen nach einer Woche wieder nach oben gezogen werden. Eine Spindelhemmung überträgt die Kraft der Gewichte auf ein Pendel, das dann das Werk reguliert. Ein alter Klassiker der Mechanik, der seit dem 13. Jahrhundert große Uhrwerke antreibt. Bei gleichmäßiger Witterungslage hat solch eine Uhr eine Gangabweichung von einer Minute pro Woche. Eine erstaunliche Genauigkeit angesichts der groben und robusten Bauweise der Werke, deren Unverwüstlichkeit vielleicht mit ein Grund ist, weshalb es den Beruf des Turmuhrmachers als solchen nicht mehr gibt. „Wie viele Branchen, in denen Mechanik und Funktionen hauptsächlich von Hand hergestellt, eingestellt und gewartet werden, ist auch die unsrige mittlerweile exotisch und zusammengeschmolzen auf einige wenige Handwerksbetriebe. Das gilt auch für unseren Betrieb“, sagt Frank Blumrich, der sich um alle Turmuhren kümmert, die auf dem Gebiet der ehemaligen DDR ihr regelmäßiges Ding-Dong durch Städte und Gemeinden hallen lassen. Die Firma Bernhard Zachariä hatte bis zur Wende etwa 30 Mitarbeiter beschäftigt, war aber damals noch ganz anders ausgelastet als heute. Denn einst gab es so gut wie keine Funkuhren und nur wenige digitale Werke. Zum Tätigkeitsfeld gehörten daher nicht nur die Reparatur und Wartung aller Uhr- und Schlagwerke auf Rathäusern und Kirchtürmen. Auch Bahnhofsuhren und solche auf öffentlichen Plätzen mussten überprüft oder gar neu angefertigt werden.

Nach der Wende dann der große Einbruch wie in vielen Betrieben in den neuen Bundesländern. „Funkgesteuerte Uhren, die kein eigenes Werk mehr benötigen, ließen den Bedarf an unserem Handwerk deutlich zurückgehen. Deshalb mussten wir uns auf die vielen denkmalgeschützten und historischen Schlagwerke, Glockenspiele und Turmuhren konzentrieren“, erklärt Blumrich. Für 30 Mann gab es jedoch nicht mehr genug Arbeit, so dass die Mitarbeiterzahl auf zehn, vier und seit 2006 schließlich auf zwei Mitarbeiter zurückging. Die Firma wurde von der westdeutschen Turmuhrenmanufaktur Perrot als Muttergesellschaft übernommen, die als „Chefetage“ im schwäbischen Calw sitzt. Doch im Alltag arbeiten Frank Blumrich, gelernter Zerspaner und Metallfacharbeiter, sowie sein Kollege René Siebert, seines Zeichens Elektroinstallateur, ganz selbstständig im ostdeutschen Gebiet. Beide sind Spezialisten für die Mechanik der mächtigen Uhren. Deren grobe und einfache Bauweise erfordert keine gesonderte Uhrmacherausbildung, aber eine Spezialisierung und viel Erfahrung in der Materie.

Ein Blick in die Werkstatt

Wer einen Fuß in die Werkstatt in der Heiterblickstraße 42 setzen darf, schnuppert den vagen Duft aus Öl und Schmiermittel, der von den robusten, etwas in die Jahre gekommenen, aber gut gepflegten Fräsmaschinen, Drehbänken und Bohrtischen in die Nase steigt. Hier gehen die Aufträge ein, hier werden Wellen, Zahnräder und alle Verschleißteile von Turmuhren zwischen Zittau und Wismar neu angefertigt, gesäubert, nachgearbeitet und von Hand feinjustiert. In einer Ecke steht in einem Gestell ein komplett ausgebautes Turmuhrwerk des Turms aus Seifertshain bei Leipzig, das auf Vordermann gebracht werden und zudem einen elektrischen Aufzug bekommen soll. Ansonsten ist es an diesem Tag eher ruhig in der Werkstatt – eine Seltenheit. „Wir haben viele Wartungsfestverträge mit Städten und Gemeinden, für die wir mit unserem Werkstattwagen unterwegs sind. Dann steigen wir auf Rathaustürme, Kirchtürme und Glockenstühle und sorgen bei den Uhren für den richtigen Takt und stellen sie neu ein“, erzählt René Siebert.

„Manchmal bauen wir auch ein ganzes Werk aus und nehmen es mit, wenn große Restaurierungsarbeiten an den Türmen anfallen.“ Dabei zeigt er auf einen übermannshohen Zeiger einer Turmuhr, dessen Herkunft selbst ihm unbekannt ist. Der Zeiger steht schon seit den achtziger Jahren in der Werkstatt und niemand weiß mehr, welche Uhr ihn jetzt vermissen könnte. Aber er macht auf dekorative Weise die Dimensionen klar, in der Uhren hier gepflegt werden: in richtig großen.

Zeit für eine Wartungsrunde

Deutschlands größte Turmuhr, die die Mitarbeiter der Leipziger Turmuhrenfirma regelmäßig besteigen, befindet sich übrigens in Wittenberge an der Elbe am Turm der ehemaligen Nähmaschinenfabrik. Ihr großer Zeiger misst stolze 3,30 Meter, während das Zifferblatt mit einem Durchmesser von sieben Metern jenem des Big Ben in London entspricht. Doch hat auch sie ein modernes Herz, wird mittlerweile vollautomatisch betrieben und funkgesteuert. Der höchste Turm wiederum ist die Wismarer Marienkirche mit einer Höhe von immerhin 80 Metern. Weitaus handlicher präsentiert sich die kleine Turmuhr des alten Stötteritzer Rathauses, deren Werk in einer regulären Kontrollrunde von René Siebert gewartet wird. Am heutigen Tag stehen acht Uhren in Leipzig auf Sieberts To-do-Liste – unter anderem jene in Stötteritz. Beim Blick vom Turm knapp über der Firsthöhe der umliegenden Häuser zeigt sich das Völkerschlachtdenkmal.

In einer kleinen Kammer tickt das Werk, ein Originalbau der Firma Zachariä aus dem Jahre 1900. Und plötzlich wird klar, wie viele dieser Uhrwerke schon gleichmütig alle Zeitläufe hindurch getickt haben; im Tick und im Tack des 1. Weltkriegs, im Tick und Tack des 2. Weltkriegs, Tick, Tack der DDR – und heute und in allen Zeiten zur Viertel- und vollen Stunde ihr Ding und Dong in die Welt geschickt haben. Die Zeiten kommen und gehen. Die Uhren der Firma Bernhard Zachariä bleiben im Takt – solange wie Menschen wie Frank Blumrich und René Siebert immer mal wieder am Zahnrad der Zeit drehen.

(Erschienen in: Leipziger Leben Nr. 2 / 2018, Leadagentur Trurnit Leipzig, Bilder: Bertram Bölkow)

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Tauchstation Klärwerk

Augen zu und durch: Der TauchService Naue geht im Klärwerk Rosental auf Tauchstation und bewahrt selbst im trüben Milieu die Ruhe.

Ralph Wilhelm kann die Hand vor Augen nicht sehen, als er, umgeben von Wasser und Klärschlamm, nach Verzopfungen fischt. Die langfaserigen Büschel, die an verfilzte Haare im Abfluss eines Waschbeckens erinnern, haben sich im Nachklärbecken der Kläranlage Rosental verfangen. „Dem Taucher helfen dabei die eigenen zehn Augen“, erklärt der Kollege und frühere Marinetaucher Kay Sieder und spreizt dabei seine zehn Finger.

Sieder steht derweil auf der Brücke des Beckens und hält den Kollegen Wilhelm wortwörtlich an der langen Leine. Der aus zwei Schläuchen bestehende Strang versorgt den Industrietaucher mit Sauerstoff und Funk-Anweisungen. Letztere kommen vom dritten Mann im Bunde, Industrietaucher und Einsatzleiter Denis Mirau, der sich auf dem Dach des Containers der Taucherfirma eingerichtet hat. Von dort aus hat er alles im Blick.

Benötigt Ralph Wilhelm etwa einen Hammer, dann erkennt Mirau am „Blasenbild“, wo das Werkzeug heruntergelassen werden kann. Vor jedem Einsatz muss der sogenannte Rundräumer des Beckens stillgelegt werden. Die auf Rädern befindliche Stahlkonstruktion schiebt den abgesetzten Schlamm beiseite und sorgt dafür, dass alles über eine Sogwirkung vom gereinigten Wasser abgezogen wird. Eine Gefahr für jeden Aquanauten.

Im Kontakt mit der Oberwelt

Beim ersten Tauchgang, der etwa eine Stunde dauert, beschränkt sich Wilhelm auf die Überprüfung der allgemeinen Sachlage im Becken sowie das Lösen erster Verzopfungen. Dazu steigt er mit seinem rund 80 Kilogramm schweren Taucherausrüstung zunächst in den sogenannten Königsstuhl – ein mittig aufragendes Stahlbetonbauwerk, in dem der Zu- und Ablauf für Abwasser und Klärschlamm sowie Achsen und Technik der Rundräumer verortet sind. Anschließend tappt er ins dunkle Nass des Beckens, wobei er sich mit seinen „zehn Augen“ an Taucherleine und Räumer orientiert und stete Rücksprache mit Denis Mirau an der Sprechanlage hält. „Ein Eimer voller Verzopfungen, ein verkantetes Fahrwerk und hier und da muss ein bisschen nachgestellt werden. Kriegen wir heute fertig!“ – das Resümee Miraus klingt optimistisch. Er wird für die Reparaturen und den Radwechsel gleich selbst abtauchen.

Immer in Betrieb

Doch weshalb eigentlich überhaupt tauchen – könnte man nicht einfach das Wasser ablassen, um dann trocken und bei guten Lichtverhältnissen die Anlage zu inspizieren? Könnte man. Doch dann müsste der Klärwerksbetrieb unterbrochen werden, aber diesen gilt es möglichst jederzeit zu gewährleisten. Schließlich werden im Klärwerk Rosental täglich etwa 110.000 Kubikmeter Abwasser gereinigt. Ein Abschalten der Anlage wäre aufwendig und teuer und ein funktionierendes Abwasserund Klärsystem ist bei den stetig wachsenden Einwohnerzahlen in Leipzig auch dringend erforderlich. Deshalb gehen die Wasserwerke mitunter ungewöhnliche Wege und holen sich das Know-how von Spezialisten ins Haus – oder eben ins Becken.

Seit 2011 geht die Firma TSN TauchService Naue daher jährlich in den insgesamt acht Nachklärbecken der Kläranlage Rosental auf Tauchstation.

Der frühere Sporttaucher und Leistungsschwimmer Kay Sieder ist sich seiner Verantwortung bewusst: „Letztes Jahr haben wir hier etwa einhundert Laufräder der verschiedenen Rundräumer ausgetauscht. Die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern des Klärwerks funktioniert hervorragend, da sie wissen, wie wichtig unser Job hier ist.“

Bleiben Sie ruhig!

Ob nun in Kläranlagen, Werften, Baugruben, Kraftwerken, Talsperren oder Brunnen – jeder Schritt und Flossenschlag wird am Abend vor dem Einsatz genauestens durchexerziert. „Jede Baustelle, jeder Job ist anders. Wir müssen sehr umsichtig sein. Daher gibt es vor jedem Tauchgang eine Gefahrenanalyse und einen Rettungsplan. Aber das ist auch der Kick, die Herausforderung, die ich an meiner Arbeit so liebe“, erzählt Sieder.

Auch im Klärwerk Rosental gilt das oberste Gebot unter Tauchern: Ruhe bewahren. Schließlich hat jeder Taucher ein funktionierendes Team im Rücken. Einen am Funk, einen an der Leine und seine „zehn Augen“, die ihn schon sicher durch die dunkle, zähflüssige Masse geleiten werden.

(Erschienen in: Leipziger Leben Nr. 5 / 2017, Leadagentur Trurnit Leipzig, Bilder: Bertram Bölkow)

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Nachts ist keine Katze grau

Mit der Dämmerung verwandelt sich der Zoo in ein Rotlichtviertel. Viele nachtaktive Tiere gehen nun auf Pirsch. Leipziger Leben war mit Tierpflegerin Andrea Denick, Safarihelm und Rotlichtlampe dabei. Eine Nachtwanderung.

„Tüpfelhyänen gehören übrigens zu den Katzen. Und bei ihnen herrscht ein Matriarchat. Die Weibchen halten einen erstaunlichen Trick parat, wie sie die Paarung regulieren. Sogar Experten fällt es oft nicht leicht, hier Männlein und Weiblein zu unterscheiden.“ Diese und andere Geheimnisse hält Andrea Denick über die nachtaktiven Raubtiere bereit, die man als Zoobesucher normalerweise nur während ihrer Ruhezeiten in der Afrika-Savanne zu Gesicht bekommt. Denick ist gelernte Tierpflegerin und mittlerweile angehende Veterinärmedizinerin. Die junge Frau gehört zum Fachpersonal des Leipziger Zoos und kann viele Geschichten über die großen und kleinen Bewohner von Leipzigs berühmtem Tierreich erzählen.

Es ist 19 Uhr, es dämmert, und die Safari durch den nächtlichen Zoo kann beginnen. Zuerst begrüßen wir den neuseeländischen Vogel Unhold, ein sogenannter Kea, der gerade noch so in Umrissen zu erkennen ist und keck schnarrend in seinem Gehege sitzt.

Der Vogel heißt Unhold, weil er mit seinem Schnabel so ziemlich alles auseinandernimmt, was nicht niet- und nagelfest ist. In seiner Heimat sind das manchmal sogar Autos oder zumindest deren Außenspiegel, Scheibenwischer und Fensterdichtungen. Außen eher unspektakulär grün, offenbaren seine ausgebreiteten Flügel die Farbenpracht der untergehenden Sonne.

Zu Besuch in einer Geisterwelt

Das Besondere an einer Nachtwanderung durch den Zoo nach der offiziellen Schließzeit ist die Ruhe und eine geheimnisvolle Stimmung: Auch wenn man zum größten Teil auf bekannten Wegen wandelt, wird das Areal von der Dunkelheit verzaubert. Umrisse verschwimmen, Gebüsche wiegen sich wie zittrige Schattenwesen, das Ohr spitzt sich für jedes kleine Knacken und allerlei seltsame Geräusche und jede Windbewegung, jedes Huschen offenbart undeutlich das mögliche Geisterwesen eines Tieres, das ganz in der Nähe irgendwo wacht, döst oder in seine ureigene Traumwelt hineinschlummert. Die Tiere ziehen den nächtlichen Besucher in ihren Bann.

Und tatsächlich. Da! Plötzlich steht ein solches Geisterwesen vor uns. Wir befinden uns mitten im Himalaya. Das jüngste Areal des Leipziger Zoos wurde im August 2017 eröffnet und beherbergt in einer dem Hochgebirge nachempfundenen Felslandschaft Schneeleoparden. „Das muss Chandra sein“, sagt Andrea Denick, die mit ihrer Rotlichttaschenlampe ein sehr elegantes Katzenwesen aus der Traumdunkelheit herausleuchtet. Die Leopardendame Chandra hat uns längst bemerkt und präsentiert sich ganz geschmeidig auf ihren Pfoten – wie auf flauschigen Fellschuhen laufend.

„Das rote Licht der Taschenlampe stört die Tiere nicht so wie normales Licht“, sagt Denick. Zugleich sorgt es auch für einen besonders geheimnisvollen Effekt, als würde man mit einem Nachtsichtgerät ins Gehege schauen. Chandra wohnt hier gemeinsam mit Laura und dem Leopardenkater Onegin. Es ist der Ehrgeiz des Zoos, diese Population nicht nur zu halten, sondern auch zu vermehren. Aber Schneeleoparden sind Einzelgänger und Revierbewohner. Es kommt deshalb auf den richtigen Zeitpunkt an. Deshalb sind Männlein und Weiblein hier zwar über einen Felsendurchgang verbunden, aber es gibt eine Klappe, die so lange verschlossen bleibt, bis die Leopardendame paarungsbereit ist, was sie dann mit markanten jaulenden Geräuschen anzeigt.

Herausforderungen bei der Futtersuche

Schneeleoparden sind im Himalaya an wildschroffe Jagdgründe angepasst und man fragt sich, ob die Tiere sich hier nicht ein wenig langweilen. Die Expeditionsleiterin erklärt: „Die Tiere sind in ihrer Heimat stark gefährdet. Immer mehr Landschaft und unberührte Wildnis gehen durch menschliche Einflussnahme verloren. Schneeleoparden sind empfindlich, natürlich sollen sie beschäftigt werden. Deshalb lassen sich die Pfleger immer einiges einfallen.“ Die Fütterung wird mit kleinen Aufgaben verbunden. Das Futter wird manchmal versteckt oder erhöht an einem Baum befestigt, damit die Tiere beschäftigt sind. Manchmal verteilt man auch kleine Duftmarken von Zimt oder Tierhaar im Gelände. Dann spüren die Tiere die Geruchsquellen auf. Quirliger Nachwuchs und Aufzuchterfolge sind letztlich eine Bestätigung dafür, dass die Tiere sich wohlfühlen.

Gleich nebenan bei den Amurleoparden hat das schon geklappt.

Im April gab es hier Nachwuchs mit Leopardenzwillingen. Wir stehen in einem Durchgang vor einer Glasscheibe und werden beäugt von Großkatze Mia, die sich auch gerne mal einen Spaß daraus macht, durch plötzliches Aufbäumen gegen die Scheibe die Besucher zu erschrecken. „Tatsächlich ist das ein Spiel, bei dem sie gerne auch mal die Pfleger überrascht“, sagt meine Zooführerin. Weiter geht es zu den Löwen, die nachts im Löwenhaus nicht viel mehr tun als gemütlich zu dösen.

Elefanten haben eine Hebamme

Immer der roten Taschenlampe nach geht es weiter: Besuch bei den ganz Großen, den Elefanten. Diese Tiere schlafen im Schnitt nur etwa zwei Stunden am Tag, und das oft sogar im Stehen. Also ist es ihnen eher egal, ob es Tag oder Nacht ist. Jetzt im Elefantenhaus schnorcheln sie ein wenig im Sand umher auf der Suche nach kleinen Nahrungsresten. Elefanten sind Herdentiere. „Die Geburt ist bei Elefanten eine besonders schwierige Angelegenheit“, weiß Expertin Denick. „Es braucht immer eine erfahrene Leitkuh, die der Mutter beisteht und sie davon abhält, das Elefantenbaby unmittelbar nach der Geburt zu drangsalieren, da es ihr Schmerzen bereitet hat.“ Deshalb versucht man in Zoos für den Nachwuchs eine funktionierende Herdenstruktur mit einer erfahrenen Leitkuh zu halten, die werdenden Müttern bei der Geburt beisteht.

Trotzdem spürt man aus der Nähe die majestätische Ausstrahlung und Kraft der Tiere. Löwen werden in Zoos viel älter als in der freien Natur, wo ihr Leben zumeist aus Verdrängungsstress, hohem Verletzungsrisiko, Jagen und Kämpfen besteht. Für die perfekte Nachtsicht haben Katzen eine Spiegelschicht in ihrem Augenhintergrund, die wie ein Fahrradreflektor funktioniert. Sie können damit das Restlicht stärker nutzen und lassen deshalb auch ihre Augen durch die Nacht funkeln.

Die Nacht hat sich nun vollständig über das gesamte Areal gelegt. Wir stehen vor der dunklen Savanne des Hyänengeheges. Tüpfelhyänen sind mysteriöse, sehr soziale und äußerst beißkräftige Tiere. Wie aus dem Nichts steht plötzlich ein Tier in seiner ganzen nachtäugigen Unergründlichkeit vor uns. Wir glauben, kurzzeitig das typische Hyänenlachen gehört zu haben, als perfekte Begleitmusik für ein nächtliches Zusammentreffen. Wir erfahren: Bei Hyänen haben die Weibchen das Sagen, und sie haben auch einen maskulinisierten Geschlechtsapparat. Wenn sie sich nicht paaren will, dann erigiert sie ihren „Penis“ und das Männchen weiß Bescheid.

So gäbe es noch viele Geschichten zu erzählen, aber die Nachtwanderung neigt sich nach zwei Stunden dem Ende. Die nächtlichen Rufe des Mähnenwolfes verabschieden uns in den Abend. Eine Nachtsafari durchs Tierreich mitten in Leipzig – eine unvergessliche Erfahrung.

(Erschienen in: Leipziger Leben Nr. 5 / 2017, Leadagentur Trurnit Leipzig, Bilder: Bertram Bölkow)

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Wachsendes Bewusstsein

Vor mehr als 100 Jahren kaufte Leipzig 800 Hektar Land vor den Toren Leipzigs, um hier das Trinkwasser für die Stadt zu gewinnen. Seither gehen auf dem Wassergut Canitz Landbewirtschaftung und Wasserschutz Hand in Hand – seit 25 Jahren sogar mit Bio-Standard.

Auch wenn es auf den riesigen Flächen des Wasserguts Canitz grünt und wächst, der wahre Schatz des Areals vor den Toren Leipzigs bleibt dem Betrachter verborgen, denn er liegt oder besser er fließt unter der Erde. Die Ströme des Grundwassers unterm Wassergut Canitz sind die Quelle für Leipzigs Trinkwasser, das hier zur Versorgung der Stadt Leipzig besonders streng überwacht, gepflegt, gepumpt und bewirtschaftet wird.

Kleine Farbenlehre der Felder

Es ist ein typischer Frühjahrstag im April mit frischem Wind, freundlichen Sonnenfenstern und gelegentlichem Nieselregen über den Feldern und Brunnen des Trinkwasserschutzgebietes Muldental. Dr. Bernhard Wagner steht auf einem Feld mit Luzerne und weist auf ein Feld mit Wintergetreide. „Hier sehen Sie bei den Pflanzen unterschiedliche Grüntöne. Auf den hellgrünen Flächen ist der Stickstoffanteil im Boden niedriger, auf den dunkelgrünen höher konzentriert. Daran erkennt man mit bloßem Auge, dass die Böden nicht mit mineralischem Stickstoff aufgedüngt werden.“ Der promovierte Agrarwissenschaftler ist Geschäftsführer des Wasserguts Canitz, dessen Flächen seit 1907 der Stadt Leipzig gehören. Hier wird von den Leipziger Wasserwerken besonders sauberes Grundwasser als Trinkwasser für die Stadt gewonnen und durch ökologische Landwirtschaft rein gehalten. „Im konventionellen Bereich werden üblicherweise künstlicher Dünger und Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Das ist bei uns anders, weil wir die Nitrat- und Pflanzenschutzmittelbelastung so gering wie möglich halten wollen“, sagt Wagner. Hinter dieser Aussage verbirgt sich ein ebenso ökologischer wie ökonomischer Zusammenhang, der in seinen Einzelheiten komplex, aber in seinen Prinzipien einfach ist.

Dünger besteht vor allem aus Stickstoff, der Motor für den Stoffwechsel aller Pflanzen. Der wird normalerweise durch das Aufbringen von organischem Dünger aus der Tierhaltung auf die Felder bereitgestellt oder in Form von Kunstdünger eingestreut. Bei einer übermäßigen Düngung kann zu viel davon aber in die tieferen Bereiche des Bodens und in die grundwasserführende Schicht gelangen. Schließlich findet es sich als schädliches Nitrat im Trinkwasser wieder und muss extrem aufwendig herausgefiltert werden.

Das ist bei uns anders, weil wir die Nitrat- und Pflanzenschutzmittelbelastung so gering wie möglich halten wollen“, sagt Wagner. Hinter dieser Aussage verbirgt sich ein ebenso ökologischer wie ökonomischer Zusammenhang, der in seinen Einzelheiten komplex, aber in seinen Prinzipien einfach ist. Dünger besteht vor allem aus Stickstoff, der Motor für den Stoffwechsel aller Pflanzen. Der wird normalerweise durch das Aufbringen von organischem Dünger aus der Tierhaltung auf die Felder bereitgestellt oder in Form von Kunstdünger eingestreut. Bei einer übermäßigen Düngung kann zu viel davon aber in die tieferen Bereiche des Bodens und in die grundwasserführende Schicht gelangen. Schließlich findet es sich als schädliches Nitrat im Trinkwasser wieder und muss extrem aufwendig herausgefiltert werden.

Gesunde Erträge unter und über der Erde

Nitratverringerung durch eine konsequente und wasserschutzgerechte Fruchtfolge ist ökologischer und ökonomischer als das aufwendige Herausfiltern des Nitrats und anderer schädlicher Rückstände aus Düngung und Pflanzenschutz aus dem Rohwasser. Deshalb ist die Verbindung von Grundwassergewinnung und Landwirtschaft auf ein und demselben Areal ein geniales Unternehmenskonzept. Denn es erwirtschaftet gesunde Erträge sowohl unter der Erde als auch über der Erde. Wenn man es richtig managt. Dr. Wagner erklärt: „Wir bepflanzen die Felder von Jahr zu Jahr nach einer genau ausgewählten Fruchtfolge. Es folgt pro Feld nie dieselbe Pflanze des Vorjahres. Viel mehr noch: Es dauert bis zu acht Jahren, bis eine Fruchtfolge wieder von Neuem beginnt. Es gibt Pflanzen, die über ihre Wurzeln selbst Stickstoff binden, wie zum Beispiel die Luzerne. Nutzt man sie nicht als Futtermittel, kann man sie auch unterpflügen und als natürliche Düngung benutzen.“

So wechselt pro Feld von Jahr zu Jahr der Anbau zwischen verschiedenen Winter- und Sommer-Getreidearten, Futterpflanzen, Kartoffeln, Luzerne, Erbsen, Bohnen, Zwiebeln und Zwischenfrüchten. Ein Wechselzyklus hat den wichtigen Effekt, dass in den Böden der natürliche Humus nicht abgebaut, sondern auch wieder zugeführt wird. Auf diese Weise baut sich eine sehr gute Humusschicht auf und die bakterielle Mikrofauna sowie schädliche und nützliche Insekten bleiben im Gleichgewicht. Die lange Fruchtfolge sorgt so dafür, dass Schädlinge geringere Chancen haben, die Kulturen zu befallen – der Einsatz von im Ökolandbau zugelassenen Hilfsstoffen ist daher nicht nötig. „Und aus Überzeugung auch nicht gewollt“, sagt Wagner. So sorgt die Fruchtfolge für sehr gutes Trinkwasser und hervorragende Lebensmittel der Region.

Regionale Produkte – begehrt und gern verzehrt

An diesem Tag sind erstaunlich viele Greifvögel zu sehen. Junge Bussarde und eine in der Luft kreisende Rotmilanschule deuten auf eine gesunde Umwelt hin. Der Spaziergang führt noch vorbei an einem Rinderstall, wo zufrieden wirkende Tiere gemütlich wiederkäuend auf Strohhaufen liegen. Der uüberwiegende Teil der Canitzer Erträge wird bisher weitestgehend deutschlandweit vertrieben. Wagner will aber künftig auch die Region beliefern: „Die Menschen in und um Leipzig sollen nicht nur unser frisches Trinkwasser genießen, sondern auch unsere landwirtschaftlichen Bio-Produkte.“

(Erschienen in: Leipziger Leben Nr. 3 / 2017, Leadagentur Trurnit Leipzig, Bilder: Bertram Bölkow)

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